OLDENBURG - Die Forscher waren selbst überrascht von ihren Ergebnissen: Der beeindruckende Zuwachs an sozialiversicherungspflichtiger Beschäftigung im Raum zwischen Elbe und Ems (nach Süden abgegrenzt etwa durch die Linie Soltau-Nienburg) ist nicht wie in der öffentlichen Diskussion häufig unterstellt im Wesentlichen durch die Zunahme von 400-Euro-Jobs, Teilzeit und Leiharbeit zu erklären. Vielmehr seien die Mehrzahl der zwischen 2005 und 2010 neu entstandenen Arbeitsplätze Vollzeitstellen, erklärte Dr. Uwe Kröcher, Geschäftsführer der Oldenburger Regio GmbH, am Montag bei der Vorlage seiner Studie zum Beschäftigungsboom im Nordwesten.
Zwar hätten die atypischen Beschäftigungsformen in den letzten Jahren erheblich zugenommen und ihr Niveau liege mit 35,2 Prozent im Nordwesten leicht höher als im Bundesgebiet (32,4 Prozent). Der Boom im Nordwesten werde aber vor allem von Vollzeitarbeitsplätzen getragen, bilanzierte Kröcher. Konkret seien zwischen 2005 und 2010 mit 65 000 zusätzlichen Vollzeitbeschäftigten mehr Arbeitsplätze entstanden als in Teilzeit (50 551) und in ausschließlich geringfügigen Arbeitsverhältnissen (12 718). Allerdings sind hier die prozentualen Zuwächse von der niedrigeren Basis aus wesentlich höher: Teilzeit plus 21,8 (West-Deutschland 21,3) Prozent, geringfügige Beschäftigung ausschließlich 4,1 (5,9) Prozent, geringfügig Beschäftigte im Nebenjob plus 41,6 (35,1) Prozent. Der Zeitarbeiter-Anteil wird in der Studie für Mitte Juni 2010 mit 2,6 (2,1) Prozent angegeben, und der Anteil derer, die sich noch in einem klassischen Normal-Arbeitsverhältnis befinden, mit 56 Prozent. Der Wandel der Beschäftigungsformen nehme rasant zu.
Regio, das Oldenburger Institut für Regionalentwicklung und Informationssysteme, ermittelte für den Untersuchungszeitraum für die Nordwest-Region eine Zunahme der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 9,0 Prozent (siehe Tabelle). Damit schneidet die Region deutlich besser ab als Niedersachsen (6,5) und die alten Bundesländer insgesamt (5,7). Dies gelte sowohl für die Aufschwungphase 2005 bis 2008 als auch für die von Krise und erneutem Aufschwung geprägte Phase von 2008 bis 2010.
Kröcher und Mitgeschäftsführer Jobst Seeber, die die Studie erläuterten, erwarten, dass der von ihnen vermutete Hauptmotor der günstigen Entwicklung die Energiewirtschaft mir regenerativen Energien angesichts von Atomausstieg und Energiewende noch weiter an Bedeutung gewinnen wird. Von dieser Entwicklung würden auch traditionelle Branchen wie Bau- und Verkehrswirtschaft beeinflusst, die überdurchschnittliche Wachstumszahlen bei der Beschäftigung aufwiesen. Deutlich aufgefallen ist den Regionalwissenschaftlern auch das Wachstum der unternehmensnahen Dienstleistungen.
Und: Viele Landkreise wiesen ein stärkeres Beschäftigungswachstum auf als die Städte. Dies sei längst nicht nur mit der üblichen Umland-Problematik zu erklären. Zu den Gewinnern zählen diverse Landkreise, die traditionell nicht zu den beschäftigungsstärksten zählen wie etwa Leer oder auch die Wesermarsch.
