Retouren sind das Hauptärgernis der Onlineversender: Sie sind Gift für die Rendite – und für die Umwelt. Für Best Dealz 24 dagegen sind Retouren ein Segen: Das Oldenburger Unternehmen hat ein Geschäftsmodell daraus entwickelt."> Navigation überspringen
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Best Dealz 24 Aus Oldenburg Für jedes Paket gibt es einen Kunden


Bei Karsten Dierks, Timo Janssenund Ernst Lameyer(von links) wird nichts mehr weggeschmissen. Das Team von Best Dealz 24 managt die Retouren eines Bürostuhlversenders. Beschädigte Sessel werden aufgemöbelt
Torsten von Reeken

Bei Karsten Dierks, Timo Janssenund Ernst Lameyer(von links) wird nichts mehr weggeschmissen. Das Team von Best Dealz 24 managt die Retouren eines Bürostuhlversenders. Beschädigte Sessel werden aufgemöbelt

Torsten von Reeken

Oldenburg - In einem 1800 Quadratmeter großen Lager an der Ekernstraße in Oldenburg stapeln sich Hunderte Kartons. Sie alle enthalten zurückgeschickte Ware von Kunden eines großen Onlinehändlers für Bürostühle. Ernst Lameyer greift nach einem Karton und wuchtet ihn schwungvoll auf einen Tisch. Schon ein kurzer Blick nach dem Öffnen genügt ihm, um zu vermuten: „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Stuhl okay ist. Der Sitz ist noch im Originalbeutel.“ Nach­einander legt er die Einzelteile auf den Tisch und inspiziert sie unter einer grellen Lampe. Die Armlehne, den Sitz, den Fuß. Sein Fazit: „Kein offensichtlicher Schaden. Der Stuhl ist unbenutzt, er wurde nicht einmal zusammengebaut.“

Jede Bestellung, die zurückkommt, kostet den Händler Geld: im Schnitt 15 Euro

Viele Kunden denken, dass das, was sie zurückschicken, wieder zum Onlinehändler geht, bei dem sie bestellt haben. Doch das ist längst nicht immer der Fall. Retouren stellen für viele Unternehmen ein großes Problem dar. Zahlreiche Onlinehändler nutzen deshalb die Möglichkeit, diese Mammutaufgabe an spezielle Dienstleister abzugeben, die für sie das Retourenmanagement übernehmen. So ein Dienstleister ist Ernst Lameyer. Zu ihm kommen die gesamten Retouren von Bürostuhl 24, dem führenden Onlinehändler für Bürostühle in Deutschland.

Mehr als elf Millionen Pakete liefert der Marktführer DHL nach eigenen Angaben im aktuellen Weihnachtsgeschäft pro Tag aus. Über drei Milliarden Pakete waren es branchenweit im vergangenen Jahr insgesamt. Das ist ein Zuwachs von sieben Prozent im Vergleich zu 2016, schätzt die Unternehmensberatung AT Kearney in einer aktuellen Studie. Bis 2020 erwarten die Experten einen weiteren Anstieg auf knapp vier Milliarden Paketen jährlich.

Die Folge: In den Städten verstopfen die Transporter die Straßen, Paketboten von Hermes, UPS, DHL und GLS kämpfen um den besten Parkplatz. Die Fahrer halten, wo es irgendwie geht, und sorgen regelmäßig für Stau. Auch die Feinstaub- und Lärmbelastung in den Städten nimmt zu.

Mit dem wachsenden Onlinehandel wächst auch die Zahl der Retouren. Während man im Jahr 2013 von 286 Millionen Rücksendungen ausging, „geht die Anzahl mittlerweile steil auf die 350 Millionen Rücksendungen zu“, sagt Björn Asdecker. Er ist Retourenforscher an der Universität Bamberg und kennt die Problematik der Onlinehändler: „Retouren verursachen Kosten und bedeuten einen riesigen administrativen Aufwand.“ Eine einzige Retoure koste durchschnittlich etwa 15 Euro, rechne man sowohl die Prozesskosten als auch den Wertverlust mit ein.

So war auch das Unternehmen Bürostuhl 24 aus dem oberbayerischen Weilheim mit den vielen Rücksendungen überfordert. Das Lager war irgendwann so überfüllt, dass die Retouren weggeschmissen werden mussten, berichtet Ernst Lameyer. Mit dem Chef des Unternehmens ist er seit dem Studium befreundet und hat auf diesem Weg von der Problematik erfahren. „Irgendwann standen da 1400 Paletten, die einfach in den Müll gewandert sind“, erzählt er. Daraufhin entstand die Geschäftsidee für seinen Retourenservice Best Dealz 24. Im Jahr 2015 startete das Unternehmen mit einer Fläche von 600 Quadratmetern im ammerländischen Edewecht. Das Kernteam: Ernst Lameyer, Karsten Dierks und Timo Janssen. Erst vor Kurzem sind sie in ein größeres Lager nach Oldenburg gezogen. Mittlerweile sind elf Mitarbeiter bei Best Dealz 24 beschäftigt. Es gibt bereits Pläne, das Geschäft weiter zu vergrößern.

Viele Retouren sind wie neu. Best Dealz 24 verkauft sie im eigenen Shop günstig weiter

„Zwei bis vier Prozent der Bürostühle, die online gekauft wurden, gehen zurück“, sagt Lameyer. Monatlich werden bei ihm und seinem Team in Oldenburg etwa 800 Retouren angeliefert. Bürostühle, die nicht passen oder nicht gefallen, aber noch funktionstüchtig sind. Sie werden erfasst und nach Zustand bewertet. Etwa die gleiche Anzahl kann in einem Monat auch wieder verschickt werden. „Was reinkommt, soll möglichst schnell wieder rausgehen“, erläutert der Unternehmer sein Konzept.

Nach der Anlieferung wird die Ware gleich ausgepackt und gesichtet. „Zum Großteil sind die Waren wie neu oder haben höchstens kleine Fehler“, so Lameyer. Die werden dann als Gebrauchtware zu vergünstigen Preisen im Onlineshop von Best Dealz 24 zum Verkauf angeboten, genauso wie auf Amazon und Ebay. Etwa 14 Prozent der Retouren sind beschädigt und nicht mehr verkaufsfähig. Dieser Teil der Waren wird gebündelt an verschiedene Aufkäufer weitergereicht, die sich um die Aufbereitung der Stühle kümmern – beispielsweise in Hamburg und Bielefeld. Beschädigte Kinderstühle gibt Lameyer für 200 Euro pro Palette an einen Aufkäufer in Ostfriesland ab.

In dem 400 Quadratmeter großen Ersatzteillager sind alle Einzelteile, die ein Bürostuhl so hergibt, in Kisten sortiert. „Etwa 100 Stühle kommen pro Woche rein, die wir für Ersatzteile auseinanderbauen“, erklärt Janssen. Und hier setzt die neue Geschäftsidee des Teams an: Aus den Ersatzteilen sollen neue Stühle zusammengestellt und in einem eigenen Onlineshop angeboten werden. Dafür haben die Gründer die Internetseite Ichhabnemacke.de eingerichtet. Ein Stuhl mit blauer Rücken- und grünen Armlehnen? Warum nicht?

Die Pläne reichen aber bereits weiter: Der Shop soll zugleich eine Plattform für andere Anbieter und Produkte werden, die dort als Gebrauchtwaren mit kleinen Macken verkauft werden. Parallel planen die Gründer, einen Showroom in der Ekernstraße in Oldenburg einzurichten, den sie einmal in der Woche für Kunden öffnen.

„Es wird einen Markt wird für die Vermarktung von Retouren geben“, sagt denn auch Retourenexperte Asdecker. Denn für kleine und mittlere Unternehmen lohne es sich, das Retourenmanagement auszulagern. „Das ist gewissermaßen eine Win-win-Situation“, sagt er. Für große Unternehmen hingegen rechne es sich, zu investieren und eigene Ressourcen zu nutzen.

Asdecker geht davon aus, dass der Onlinehandel weiter wachsen wird. „Die Spirale wird sich stetig weiterdrehen und auch schneller. 12,5 Prozent des gesamten Handelsumsatzes werden über E-Commerce abgebildet. Da ist noch viel Platz nach oben.“ Auch das durch den Rückversand verursachte Verkehrsaufkommen ist seit der Erhebung 2013 gestiegen.

Aneinandergereiht würden die Pakete 3,5-mal um den Erdball reichen. Tendenz steigend

Um das zu veranschaulichen, hat die Forschungsgruppe errechnet, wie lang die Strecke der Retouren aneinandergereiht wäre – und kam auf 140.000 Kilometer. Das entspricht rund 3,5 Erdumrundungen. 2013 hätte die Schlange nur 2,8 mal um die Erde gereicht. Der damit verbundene CO2-Ausstoß stieg im selben Zeitraum von 143.000 auf 175.000 Tonnen. Zum Vergleich: Die Pro-Kopf-Emission der Deutschen lag 2016 bei elf Tonnen.

Was sich allerdings nicht verändert hat, ist die Retourenquote. „Die wird schon zu Zeiten von Katalogbestellungen ähnlich ausgesehen haben“, meint Asdecker. Bei Bekleidung kann man laut den Bamberger Retourenforschern davon ausgehen, dass jedes zweite Paket zurückgeschickt wird. Bei Elektronik und Büchern ist es deutlich weniger.

Laut Statistik sind durchschnittlich 90 Prozent der retournierten Waren in einem Zustand, in dem sie als Neuware zurück in den Onlineshop gehen. Bei Elektronik sind es mit nur 64 Prozent weniger. B-Ware wird als Gebrauchtware im eigenen Onlineshop verkauft, bei Elektronik stellen das 25 Prozent der Retouren dar, bei Bekleidung sind es nur neun Prozent. Dann gibt es noch die Retouren, die bei Zweitvermarktern landen, weil sie nur mit größerem Aufwand wieder in einen verkaufsfähigen Zustand gebracht werden können (Bekleidung drei Prozent, Elektronik neun Prozent). Ein prozentual kleiner Teil werde entsorgt oder gespendet.

Weggeschmissen wir bei Bürostuhl 24 nichts mehr, seit Lameyer und sein Team die Verantwortung für die Erfassung, Bewertung und Vermarktung der Retouren übernommen haben. „Wir verwerten alle Retouren im Markt“, sagt der Unternehmer, der in seinem Konzept viele Vorteile sieht. „Der Onlinehändler muss sich nicht mehr um die Retouren kümmern, und die Kunden freuen sich über günstige Preise für die Produkte“, sagt er. Also auch hier: eine Win-win-Situation.

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