Oldenburg - Als gelernter Seemann kennt sich EWE-Vorstandschef Stefan Dohler mit Turbulenzen jeglicher Art eigentlich aus. Solch eine Phase wie die, in der sich die Energiebranche zurzeit befindet, hat der erfahrene Energiemanager bislang aber auch noch nicht erlebt. Seit einiger Zeit herrsche bei EWE „Krisenalarm“, sagte Dohler am Donnerstag bei der Vorstellung der Jahresbilanz des Oldenburger Konzerns und verwies auf Herausforderungen von der Corona-Pandemie über den Krieg in der Ukraine bis hin zu den Turbulenzen an den Energiemärkten. Der Krisenstab tage zurzeit täglich. Da mag es fast verwundern, dass Dohler die Geschäftsbilanz 2021 jetzt als „solide“ bezeichnete.
Geschäftsbilanz
Gestiegener Umsatz, ein gesunkenes operatives Ergebnis und unterm Strich ein Gewinn, der so hoch ausgefallen ist wie nie zuvor. So ließe sich in Kürze das Geschäftsjahr 2021 für die EWE zusammenfassen. Allerdings seien die Zahlen stark durch einige Einmaleffekte geprägt gewesen, erläuterten Dohler und EWE-Finanzchef Wolfgang Mücher.
So stieg der Umsatz der EWE 2021 auf 6,1 Milliarden Euro (Vorjahr: 5,6 Milliarden). Dies sei vor allem auf die kühle Witterung in den ersten Monaten des Jahres, aber auch auf die anteilig vorgenommene Berücksichtigung von Alterric, dem Windenergie-Gemeinschaftsunternehmen mit der Aloys-Wobben-Stiftung, zurückzuführen, so Mücher.
Die kommunalen Anteilseigner der EWE könnten für ihre Beteiligung an dem Konzern in diesem Jahr deutlich weniger Geld erhalten als in früheren Jahren. Wie EWE-Finanzvorstand Wolfgang Mücher erläuterte, schlagen Vorstand und Aufsichtsrat der EWE der Hauptversammlung für das Geschäftsjahr 2021 eine Dividende von 84,1 Millionen Euro vor. Im Vorjahr hatten die Anteilseigner – EWE gehört mehrheitlich 21 Landkreisen und Städten im Nordwesten – noch 186,9 Millionen Euro erhalten. Der niedrigere Vorschlag sei nicht der geringeren Leistungsfähigkeit des Konzerns geschuldet, sondern eine Reaktion auf die derzeit hohen Risiken und Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, erläuterte Mücher.
Die für EWE wichtigste Kennzahl, das OEBIT, also das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern, fiel mit 354,7 Millionen Euro um 19,8 Prozent niedriger aus als im Vorjahr. Allerdings kam laut Mücher auch hier – neben einer Belastung durch windschwache Monate – vor allem ein Sondereffekt bei der Energiebeschaffung maßgeblich zum Tragen. „Gasmengen, deren Ausspeicherung im Jahr 2021 vorgesehen waren, wurden in den Speichern belassen und erst im Jahr 2022 ausgespeichert“, erläuterte er.
Unterm Strich, von EWE Konzernperiodenergebnis genannt, stand für das Geschäftsjahr 2021 ein Gewinn von 597,5 Millionen Euro in den Büchern (2020: 293,9 Millionen). Dieses Rekordergebnis stehe aber nur auf dem Papier und sei „kein kassenwirksamer Gewinn“, erläuterte Mücher. Denn auch hier wirkt maßgeblich ein bilanzieller Sondereffekt. Denn Energie, die sich EWE schon zuvor gesichert hatte, um sie später an ihre Kunden weiterzuverkaufen, musste mit den deutlich höheren Marktpreisen am Stichtag 31. Dezember 2021 bilanziert werden.
Alternative Flüssiggas
Um sich unabhängiger von russischem Gas zu machen, ist – zumindest auf mittlere Sicht – auch der Import von Flüssiggas (LNG) aus EWE-Sicht eine Alternative. Der Oldenburger Konzern unterstützt den Aufbau und die Anbindung eines LNG-Terminals in Wilhelmshaven und gehört auch der vom Land Niedersachsen initiierten Task-Force an. „Wir können bei der Anbindung auf vorhandene Infrastruktur zurückgreifen“, sagte Dohler. Um das Terminal an Gasspeicher von EWE anzubinden, sei nur eine zusätzliche 45 Kilometer lange Gasleitung notwendig.
Dohler machte aber auch deutlich, dass der Import von teurem LNG langfristig nicht die Lösung sei. Auf lange Sicht entscheidend sei der massive Ausbau Erneuerbarer Energien und auch der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft.
Wärmepumpe statt Gas
Teil der langfristigen Lösung ist aus EWE-Sicht auch die Wärmewende. „Wir müssen unsere Wärmesysteme umbauen – das heißt, uns vom reinen Heizen mit Erdgas lösen und hierfür verstärkt grünen Strom nutzen“, sagte Dohler und kündigte eine Veränderung an: „Ab dem kommenden Jahr wird es zunehmend EWE-Standard sein, Neubaugebiete nicht mehr mit Gasanschlüssen zu versorgen“, sagte Dohler. Stattdessen setze EWE auf strombetriebene Systeme, etwa auf Wärmepumpen und Nahwärmenetze.
