Oldenburg - Mit 17 hat Michael Hopp sich sein erstes Moped geholt, bei Vosgerau, ganz schön gebraucht und anspruchsvoll wie eine Diva – „aber ich war stolz wie Oskar, von da ab immer schön die Schleife Achternstraße, Lange Straße, und Mädchen gucken“, lacht Hopp über die Zeit in den 60ern und 70ern. Für den Autor zahlreicher Oldenburg-Bildbände sind solche Erinnerungen untrennbar mit der Herkunft des geliebten Vehikels verbunden – wie für Generationen anderer Oldenburger, die bei Vosgerau ihr Rad oder auch ihr Moped gekauft haben.
Vosgerau am Damm ist seit 125 Jahren eine feste Adresse in der Stadt – und bis heute voller Charme. Jürgen Vosgerau sagt: „Manchmal kommen Kunden herein und sagen: Sieht das hier altmodisch aus. Aber den meisten gefällt unser Geschäft richtig gut.“
Vom Pferd zum Fahrrad
Gestartet war Joseph Vosgerau schon 1893 mit seinem Geschäft für Hufbeschlag und Wagenbau. In seiner Eröffnungs-Anzeige textete der Schmiedemeister, der die alteingeführte Schmiede von Johann Schmachtel übernahm: „Nach 14jähr. Erfahrungen in dieser Branche und als geprüfter Hufschmied bin ich in der Lage, allen Ansprüchen möglichst gerecht zu werden. Indem ich reelle und aufmerksame Bedienung verspreche, bitte ich, mein junges Unternehmen unterstützen zu wollen.“ Nachbar war übrigens schon damals die Gastwirtsfamilie Wieting. 1890 waren 14 Wagenbauer in Oldenburg gemeldet – Vosgerau hatte allerdings mit seiner Lage an der Ausfallstraße nach Bremen und Cloppenburg für die Hufbeschlags- und Wagenbaukunden einen guten Standort gewählt, wie Heinz Frerichs in seiner spannenden Jubiläumsschrift schreibt („Vosgerau am Damm – 125 Jahre Firmengeschichte – 300 Jahre Familiengeschichte“).
Dass die Familientradition bis heute gehalten hat, ist hin und wieder auch sanftem Druck von außen zu verdanken. Chef Jürgen Vosgerau (59), der seit Jahrzehnten im Geschäft ist, sagt: „Als ich damals zum Berufsberater beim Arbeitsamt gegangen bin, hieß es nur: Sie haben doch zuhause ein Geschäft.“ Schon als Kind im Laden groß geworden, hatte er alles in allem am Ende eher keine Wahl. Allerdings ist er damit auch immer bestens gefahren. Und die Liebe zum Fahrrad hat sich vererbt: Sohn Felix (30) ist bereits fest im Geschäft, Sohn Frederik (22) baut gerade an seinem Fachabi am BZTG und plant ebenfalls den Schritt ins Unternehmen. Felix sagt: „Mir macht das hier einen riesigen Spaß, allein zu sehen, wie aus allen Lebensbereichen der Stadt die Menschen hier hereinkommen und man mit jedem zu tun hat, das gefällt mir.“
So wie Vosgerau heute längst auf Facebook und Instagram ist und natürlich verstärkt auch Elektroräder verkauft, so hatte sich mit dem Aufkommen der Fahrräder schon damals Joseph Vosgerau ebenfalls dem Trend der neuen Zeit angeschlossen und Fahrräder aufgenommen. Er zog vom Äußeren Damm 20 an den Äußeren Damm 10 (heute Damm 30) – natürlich nicht als einziger neuer Radhändler in der Stadt.
30 Modelle vor der Tür
Im Jahr 1900 betrieben in Oldenburg schon 20 Firmen Fahrradeinzelhandel, hat Heinz Frerichs festgestellt. Die 26 800 Einwohner besaßen damals etwa 1200 Fahrräder. Nebenbei: Heute besitzen die fast 170 000 Einwohner rund 250 000 Fahrräder.
Nach dem 1. Weltkrieg zog Vosgerau wieder ein paar Häuser weiter, an den Damm 25, als Nähmaschinen- und Fahrradhandlung mit seinen Söhnen Carl und Fritz – dort, wo das Geschäft bis heute ist, – unverkennbar mit den über 30 blitzenden Modellen vor der Tür, die jeden Morgen eine halbe Stunde lang heraus- und abends wieder hereingeräumt werden. Insgesamt hat der Händler sogar 800 Modelle zur Auswahl.
Sohn wird Geschäftsführer
Nachfolger Fritz Vosgerau entwickelte das Geschäftsmodell weiter und nahm Motorräder hinzu, Zündapp und Hercules. Nach dem Tod des Vaters übernahmen die Brüder Gerd und Hans den Betrieb und konzentrierten sich wieder auf Zweiräder und Ersatzteile. 1957 gliederten sie – mit großem Erfolg – einen Großhandel für Ersatzteile für motorisierte Fahrzeuge an – zunächst von Gerd, später von seinem Sohn Jürgen geleitet.
Nach dem Ausscheiden von Hans Anfang der 90er und dann von Gerd übernahm Jürgen Vosgerau in vierter Generation die Firma – bis heute: mit Elektrorädern, Rädern für die ganze Familie, Zubehör, Ersatzteilen und Werkstattservice durch die Meister-Werkstatt. Und die fünfte Generation steht in den Startlöchern: Felix ist ab Juni 2018 schon zum Geschäftsführer bestellt, Frederik wird ab Sommer mitarbeiten.
