OLDENBURG - Die Begrüßung hätte auch netter ausfallen können. Betritt man das Gewächshaus von Lothar Germer (75) im Stadtteil Osternburg, hat man erst einmal Tausende Stacheln gegen sich gerichtet – kein angenehmes Gefühl. Doch der Eindruck täuscht: So handelt es sich nicht um die Verteidigungsanlage eines übervorsichtigen Hausbesitzers, der auf diese Art und Weise versucht, unliebsame Eindringlingen nach draußen zu befördern. Viel mehr lassen sich die langen, kurzen, spitzen oder stumpfen Stacheln auf Germers langjähriges Hobby zurückführen: Seit mehr als drei Jahrzehnten sammelt der Oldenburger Pflanzen, die wasserspeichernde Organe bilden. Der Botaniker spricht hierbei von Sukkulenten.
Nur 24 Mitglieder
Weit über Tausend Kakteen und Agaven befinden sich in Lothar Germers Bestand. Auch der Echinocactus grusonii ist darunter: ein hellgrüner und mit vielen Dornen behafteter Kugelkaktus. Als so genannter Schwiegermuttersitz hat er es zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht. Doch ihn derart zweckzuentfremden käme für einen Vollblut-Sammler niemals in Frage. Sowohl für den Kugelkaktus als auch die anderen Exemplare im Gewächshaus gilt: Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Ihren Reiz entfalten die Kakteen allerdings meist erst auf den zweiten Blick. „Jetzt sieht es hier noch ein bisschen karg aus“, räumt Lothar Germer ein. „Aber spätestens, wenn sie in ein paar Wochen anfangen zu blühen, verwandelt sich das Gewächshaus in ein wahres Farbenmeer.“
Ein Kaktusliebhaber hat es nicht leicht. Gleichgesinnte zu finden, ist schwierig. Nur rund 24 Mitglieder zählt die Oldenburger Ortsgruppe der Deutschen Kakteen-Gesellschaft, der Germer angehört. Da sind aber auch die Ehefrauen miteingerechnet, die in Wirklichkeit gar nicht sammeln würden, erzählt ihr Vorsitzender Siegfried Janssen. Kakteen zu ziehen ist eine Männerdomäne. Warum das so ist, dafür hat keiner der beiden eine Erklärung, nur eine Vermutung: Schon immer hätten Kakteen ein Schattendasein geführt. Frauen halten sich von den stacheligen Pflanzen eher fern. Und mal ehrlich: „Als schön kann man sie auch nicht gerade bezeichnen“, sagt Janssen, als er ein kleines und wurzelartiges Gebilde in den Händen hält. Ein Gerücht ist aber, dass Kakteen kaum Pflege in Anspruch nehmen. In ihrer Ruhephase von September bis April muss man tatsächlich nicht viel machen. „Doch im Sommer gieße ich sie bis zu drei Mal in der Woche“, sagt Germer. Hinzu kommen in regelmäßigen Abständen Düngen und Umtopfen.
Außenstehenden die Faszination an den knorrigen Gewächsen zu erklären, ist kompliziert. Die beiden Kakteenfreunde versuchen es trotzdem: „Die Natur hat viele unterschiedliche Formen hervorgebracht“, erklären sie. Wie zum Beweis zeigt Lothar Germer auf einen im Topf hängenden Kaktus mit blassgrünen Tentakelarmen. Ein anderer ist überzogen mit weißem, festem Flaum. Er gehört zur Gattung der Hildewintera (Cleistocactus) und noch ein anderer sieht aus wie eine verschrumpelte Knolle. „Das ist ein Rauschkaktus“, erläutert Germer. Mit ihm lassen sich Halluzinationen auslösen. Allerdings nicht in unseren Breitengraden: Auf Grund der zu geringen Sonneneinstrahlung könne sich der psychogene Wirkstoff hier nicht entfalten, weiß der Experte. Von ihren Reisen haben sich Germer und Janssen einen Großteil ihrer exotischen Exemplare mitgebracht.
Spezial-Gärtnereien
Bis in die mexikanische Wüste mussten sie dafür aber nicht fahren: „Das machen zwar einige Mitglieder aus der Gesellschaft“, sagt Germer. Sie selber haben ihre Kakteen in Spezial-Gärtnereien in Holland, Belgien und Großbritannien abgeholt.
Eines wird deutlich: Wer Sukkulenten züchten will, braucht Ausdauer. Mitunter kann es Jahre dauern, bis eine Pflanze ihre erste Blüte trägt. Und dann ist es auch schon nach wenigen Tagen oder sogar Stunden wieder vorbei. „Aber der Moment, wenn sie aufgeht, ist einfach herrlich“, schwärmen die beiden Kakteenliebhaber.
