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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Praktikum als Testlauf gegen Vorurteile

29.06.2018

Oldenburg Es geht lediglich um ein Praktikum. Zwei bis vier Wochen möchte die Wiefelstederin Theresa Skischally in einem Betrieb zeigen und ausprobieren, was sie in ihrer Umschulung zur Bürofachkraft gelernt hat. 70 Bewerbungen hat sie bereits verschickt, vergebens. Selbst eine Kleinanzeige in der NWZ-brachte bisher keinen Erfolg. Diese frustrierende Erfahrung machen viele Menschen, die wie Theresa Skischally eine Schwerbehinderung haben. Deshalb sei an ihrem Beispiel einmal aufgezeigt, welche Gelegenheit sich inklusionswilligen Betriebe mit einem Praktikum bietet.

Zunächst zu Theresa Skischally: Die junge Frau ist seit ihrer Geburt auf einem Auge ganz blind. Bis vor zwei Jahren hatte sie auf dem anderen Auge noch 80 Prozent Sehkraft. Vor etwa einem Jahr wurde der Grüne Star diagnostiziert. „Heute kann ich auf dem einen Auge mit neun Dioptrien noch 40 Prozent sehen“, sagt Skischally. Bei Tageslicht kommt sie gut ohne Blindenstock zurecht, nur wenn es nebelig oder dunkel ist, nimmt sie die Orientierungshilfe zur Hand.

Entscheidung nach Unfall

Nach ihrem Hauptschulabschluss in Quakenbrück hat Skischally in der Altenpflege gearbeitet. Dies musste sie mit schwindender Sehkraft aufgeben, weil beispielsweise die Sicherheit bei der Tablettenausgabe nicht mehr gewährleistet war. Als Notlösung übernahm sie Reinigungsarbeiten. Eines morgens früh um 5 Uhr verunglückte sie auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad, da war ihr klar: Es muss etwas passieren.

Die Bundesagentur für Arbeit wusste offenbar nicht so recht, was sie der jungen Frau anbieten soll. Die vorgeschlagene Unterbringung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen lehnte Skischally ab. „Dafür bin ich zu fit vom Kopf her.“ Der Regionalverein Oldenburg des Blinden- und Sehbehindertenverbands Niedersachsen machte sie auf das Berufsförderungswerk (BFW) in Düren aufmerksam, in dem Menschen mit Sehbeeinträchtigungen vom Telefonisten bis zur Verwaltungsfachangestellten ausgebildet werden können. Nach einer Eignungsabklärung stand fest: Theresa Skischally bringt gute Voraussetzungen mit für die Arbeit als Bürofachkraft. „Ich kann sehr schnell schreiben, heute schaffe ich 312 Anschläge pro Minute“, sagt sie.

Netzwerk berät Betriebe bei Fragen zur Inklusion

Zentraler Ansprechpartner für Betriebe, die Menschen mit Schwerbehinderungen beschäftigen möchten, ist das „Unternehmens-Netzwerk Inklusion“. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) entwickelt und ist in acht Bundesländern aktiv. Projektpartner in Niedersachsen ist das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW).

Die Initiative versteht sich als Partner der Arbeitgeber und bietet persönliche Beratung bei allen juristischen und fachlichen Fragen. Ansprechpartner für die Region Oldenburg ist Marcus Jeske, Telefon 0441/21906-45, E-Mail: marcus.jeske@bnw.de.

Ein Grad der Behinderung von 70 ist anerkannt, eine Erhöhung auf 80 steht in Aussicht.

Ausstattung wird gestellt

Der Arbeitsplatz für das Praktikum würde vom BFW Düren komplett ausgestattet. Skischally benötigt ein Bildschirmlesegerät und die Vergrößerungssoftware „Zoomtext“. Die Software kann auf einem vorhandenen Computer installiert werden, alternativ kann das BFW einen entsprechend ausgestatteten Computer zur Verfügung stellen. „Wir klären bei unseren Teilnehmern mit jedem Unternehmen individuell ab, welche Ausstattung benötigt wird“, sagt Dr. Inge Jansen, Geschäftsführerin des BFW Düren. Gegebenenfalls würde ein Techniker anreisen und den Arbeitsplatz einrichten. Die Kosten für die Ausbildung von Theresa Skischally in Düren trägt der Landkreis Ammerland (genauer: die Fachstelle für berufliche Rehabilitation des Jobcenters Ammerland), inklusive der Internatsunterbringung und eben der Ausstattung des Praktikumsplatzes. Die Arbeitsleistung steht den Unternehmen ohnehin kostenfrei zur Verfügung.

Unverbindlicher Versuch

Jansen sieht das Praktikum während der Ausbildung als „Testlauf für beide Seiten“. Für die Teilnehmer biete sich die Chance, sich selbst unter Beweis zu stellen, zu erfahren, wie sie mit ihrer Behinderung im Arbeitsleben zurecht kommen und wie sie am besten im beruflichen Alltag damit umgehen, auch wenn die Kollegen die Einschränkung irritiert. Arbeitgeber können unverbindlich ausprobieren, welche Vor- und Nachteile die Beschäftigung von Mitarbeitern mit Schwerbehinderung in der Firma mit sich bringt. „So bekommen sie ein Gespür dafür, wie die Arbeit mit schwerbehinderten Menschen das komplette Team beeinflusst“, sagt Jansen.

Wie groß bei potenziellen Arbeitgebern die Vorbehalte gegenüber Mitarbeitern mit Schwerbehinderung sind, wissen alle, die damit zu tun haben. „Das ist Sisyphusarbeit und viel Klinkenputzen“, sagt Joakim Vrey, der als Arbeitsmarktexperte beim BFW Weser-Ems in Bookholzberg für die Akquise zuständig ist. Und dabei benötigen die meisten Teilnehmer in Bookholzberg noch nicht einmal eine Sonderausstattung, lediglich eventuell mal einen höhenverstellbaren Schreibtisch. „Das kann dann schon das Zünglein an der Waage sein“, weiß Vrey.

Umso wertvoller ist der Hinweis für integrationswillige Arbeitgeber, dass sie per Praktikum erst einmal ganz ohne Risiko in Augenschein nehmen können, wen sie sich da ins Haus holen. „Leider gibt es unter Arbeitgebern immer noch viele Vorurteile und falsche Vorstellungen über behinderte Menschen“, schreibt auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) auf ihrer Homepage. „Dagegen hilft nur eines: sich kennen lernen – von Mensch zu Mensch. Wenn der Funke überspringt, treten die anfänglichen Bedenken meist schnell in den Hintergrund.“

Rundum-sorglos-Paket

Dr. Inge Jansen sagt für die Teilnehmer des BFW Düren: „Wer einen unserer Rehabilitanden einstellt, bekommt das Rundum-sorglos-Paket.“ Wenn es irgendwelche Probleme gebe, suche das Reha-Team gemeinsam nach einer Lösung. Und wie alle Menschen, die professionell mit Schwerbehinderten zu tun haben, versichert sie: „Unsere Teilnehmer sind hochmotiviert. Sie haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt und sind sehr dankbar, wenn sie eine Chance bekommen.“

Ganz wichtig ist Jansen aber noch ein anderer Aspekt, der für Unternehmen kaum messbar, aber nicht weniger bedeutsam ist: „Wir bekommen von Arbeitgebern oft die Rückmeldung, dass die Beschäftigung mehr Vor- als Nachteile hat. Teams merken, wie wichtig es ist, sich gemeinsam einer Aufgabe zu stellen, dieses Miteinander geht sonst oft unter.“

Theresa Skischally würde sich freuen, wenn sie im September zwei bis vier Wochen in einer von Wiefelstede aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbaren Firma zeigen könnte, dass ihre Sehbehinderung mehr Motivation als Manko ist.

Irmela Herold Redakteurin / Online-Redaktion
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