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INSOLVENZ Druckerei wieder unter Druck

OLDENBURG - Die Mitarbeiter bangen um ihren Arbeitsplatz. Sie hatten bereits auf Lohn verzichtet.

Von Thorsten Kuchta

OLDENBURG - Das Traditionsunternehmen Stalling steht vor dem Aus. „Ich sehe nur wenig Hoffnung“, sagte gestern Friedrich Sadelfeld, Geschäftsführer der Druckerei für hochwertige Bücher mit 94 Beschäftigten an der Ammergaustraße. Er hat wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenzantrag gestellt.

Gründe seien die schlechte Auftragslage, die sich zum Jahresanfang noch verschärft habe, und eine „gescheiterte Personalanpassung“, wie Sadelfeld sagte. Mehrere Kündigungen seien vom Arbeitsgericht wegen falscher Sozialauswahl aufgehoben worden. Nach Sadelfelds Einschätzung reiche die Auftragslage höchstens aus, um 50 bis 60 Leute zu beschäftigen.

Doch auch dafür gebe es inzwischen nur noch wenig Chancen. Das Eigenkapital sei aufgezehrt und es bestehe kaum Hoffnung auf eine erneute Kapitalspritze. Die war schon 2002 nötig gewesen, als Stalling nur einen Schritt vor dem Abgrund stand (siehe Infokasten). Die Wende brachte sie letztlich nicht.

Den Mitarbeitern war seit 2002 zusätzlich einiges abverlangt worden, sagte gestern Horst Nicoley von der Gewerkschaft „Verdi“. „Wir haben dem Sanierungsvertrag 2002 trotz Gehaltseinbußen zugestimmt, aber es gab weitere Verzichtserklärungsverträge“. Inzwischen zahle Stalling 30 Prozent unter Tariflohn. Angesichts der drohenden Pleite hätte eine Hand voll Mitarbeiter gegen die Verträge geklagt, um eine bessere Berechnungsgrundlage für das Arbeitslosengeld zu erzielen. „Mit Erfolg“, sagt Nikoley, „die Verträge waren eindeutig rechtswidrig. Wir hoffen, dass die anderen Kollegen von den Urteilen profitieren werden“. Nikoley sah in dem Verzicht zudem eine Marktverzerrung: „Das zog das Preisniveau gesunder Verlage nach unten.“ Es zeige sich, dass nicht Löhne, sondern „falsche Marktausrichtung und Technik entscheidend waren“.


Betriebsratsvorsitzender Cord Bakenhus sagte gestern: „Wir sind nicht wirklich überrascht.“ Zurzeit würden die Aufträge abgearbeitet. Man schätze die Lage eher düster ein, „aber die Hoffnung stirbt zuletzt“. Die 66 Mitarbeiter, die 2002 die 175 000 Euro eingeschossen haben, hätten ihr Geld allerdings abschreiben müssen: „Das ist Geschichte“.

2002 hatte Oberbürgermeister Dietmar Schütz die Rettungsanstrengungen moderiert. Gestern sagte er: „Die Entwicklung ist sehr bedauerlich, gerade weil die Mitarbeiter sich so stark engagiert haben. Die letzte Chance ist eine Auffanglösung. Wir sind dafür im Kontakt mit dem Insolvenzverwalter.“

Ein Unternehmen mit Geschichte: Seit 1789 in Oldenburg

Gerhard Stalling

gründete 1789 die Buchdruckerei Stalling an der Ritterstraße. Gedruckt wurde Heimatkundliches, Bekanntmachungen, Religiöses und Schulbücher.

Im 19. Jahrhundert

wurde

n vor allem Stallings Schulbücher und Jugendschriften populär.

Im 20. Jahrhundert

gaben Paul und Heinrich Stalling dem Verlag ein politisch konservatives und von militärischer Literatur geprägtes Gesicht und druckten auch Antisemitisches.

Nach 1945

nahm die Druckerei u.a. für Suhrkamp den Betrieb wieder auf, 1951 der Verlag (u.a. Oldenburgischer Hauskalender). Stalling wurde zur Spezialdruckerei für Nachschlagewerke (Brockhaus).

1966

zog Stalling an die Ammergaustraße und verließ nach 177 Jahren die Ritterstraße.

In den 70er- Jahren

kam die erste Krise. Als Reaktion darauf wurde eine große Druckmaschine für fünf Millionen DM angeschafft. Die Mitarbeiter gaben 1,2 Millionen DM dazu; das Geld wurde verzinst zurückgezahlt. Stalling zählte etwa 500 Beschäftigte.

1977

übernahm Joachim Wisotzki als erster Familienfremder den angeschlagenen Verlag und häufte bis 1982 44,6 Millionen DM Schulden an.

Die Folge: Stalling schloss. Einen Monat danach kam die Neue Stalling. Ehemalige Beschäftigte hatten sie aus der Konkursmasse heraus gegründet. 1999 zählte man 220 Leute.

2002

– Stalling steht wieder kurz vor dem Aus. Allein 2001 fielen zwei Millionen Euro Verlust an. Insolvenzverwalter Wolf-Dieter H. Weber spricht von Management-Fehlern. Eine Mitarbeiterbeteiligung (175 000 Euro), eine Landesbürgschaft und eine Kapitalaufstockung sowie eine schweren Herzens gefällte Entscheidung der Hausbanken, sich erneut zu engagieren, retten Stalling.
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