OLDENBURG - Kindheit auf einem Bauernhof in Polatli, Studium in Ankara und in Bremen, Auslandssemester in Spanien, Hochzeit in Oldenburg: Das Leben von Birgül Karadag hat viele Facetten.
„In Oldenburg fühle ich mich wohl. Die Menschen hier sind freundlich, hilfsbereit, höflich – einfach nett“, strahlt die 36 Jahre alte Türkin. Aufgewachsen ist sie mit ihren fünf Geschwistern auf dem landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern südwestlich von Ankara, besuchte die Grundschule, die Mittelschule und schließlich ein Gymnasium. „Studieren wollte ich unbedingt“, erzählt sie. Unterstützt wurde sie in ihrem Wunsch von ihren Eltern, gläubige Moslems, aber sehr weltoffen. „Mein Vater hat vor 45 Jahren in den Kölner Ford-Werken gearbeitet, ist dann aber wegen der Trennung von seiner Familie und einer Erkrankung wieder in die Türkei zurückgekehrt“, erzählt sie.
Leicht fiel das Studium der Ernährungswissenschaften nicht. Zu sechst teilten sich die jungen Leute in ihrem ausschließlich Frauen vorbehaltenen Studentinnenwohnheim ein Zimmer. Geschlafen wurde in Etagenbetten, als Kleiderschränke dienten Metallspinde. „Um 23 Uhr mussten alle wieder auf den Zimmern sein“, erinnert sich Birgül Karadag. Eine schöne Zeit sei es trotzdem gewesen, die jungen Frauen hätten sich frei gefühlt.
Geschadet habe ihr die kasernierte Unterbringung nicht. „Ich komme auf einem Bauernhof, aber auch in einem Fünf-Sterne-Hotel zurecht“, schätzt sie sich selbst als ausgesprochen anpassungsfähig ein.
Traum zunächst geplatzt
Dem Studium sollte sich eigentlich ein Aufenthalt in Seattle als Au-Pair-Mädchen anschließen. Eine Stelle hatte sie auf Vermittlung von Geschäftsfreunden ihres Arbeitgebers (ein Staudamm-Experte) schon. Doch der Anschlag vom 11. September 2001 machte ihr einen Strich durch die Planung. „Die Amerikaner befürchteten, dass ich nach der Einreise das Land nicht mehr verlassen würde“, glaubt die 36-Jährige. Sie ließ nicht locker, wenn nicht Amerika, dann sollte es eben England sein. Doch auch dafür gab es – diesmal allerdings vom britischen Konsulat in Istanbul – kein Visum.
Der Zufall half Birgül Karadag schließlich weiter. „Ein Bekannter von mir schrieb seine Physik-Masterarbeit an der Universität Oldenburg“, beschreibt sie ihren ersten Kontakt mit der Stadt, die ihre neue Heimat werden sollte. Doch das ahnte die 36-Jährige noch nicht, als sie am 27. September 2002 in Bremen landete. „Fahr’ mit dem Taxi zum Bahnhof, setz’ dich am Gleis 3 in den Zug nach Oldenburg, wunder’ Dich nicht, dass der Zug in Hude zehn Minuten hält“, hatte ihr der Bekannte am Telefon noch mit auf den Weg gegeben. „Alles traf wie beschrieben ein“, schmunzelt Karadeg, die so einen ersten Eindruck von der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit und Zuverlässig bekam. Kein Wort Deutsch konnte sie sprechen, in Oldenburg kam sie in einer Wohngemeinschaft mit einem Mann und einer anderen Frau unter – „Meine Eltern, die mich sehr unterstützt hatten, durften das wegen des Mannes in der WG allerdings nicht wissen.“
Sie erfuhren es auch nicht. Ihre Tochter jobbte als Putzfrau und in der Küche bei „Safran“ in der Mottenstraße, da schlug das Schicksal zum zweiten Mal zu. Gegenüber des Lokals führte Erol Karadag mit seinem Bruder damals wie heute das „Madison“. Erol und Birgül lernten sich kennen. „Liebe auf den ersten Blick war das“, beschreibt die 36-Jährige ihr erstes Zusammentreffen mit ihrem späteren Ehemann. Birgül begann eine zweite Ausbildung, studierte Tourismus-Management in Bremen. 2008 war sie damit fertig – inklusive einem Auslandssemester in Madrid und einem 20-wöchigen Praktikum in Valencia.
Im selben Jahr, also 2008, heirateten Birgül und Erol Karadag – traditionell in der türkischen Heimat, standesamtlich mit Freunden und Verwandten in Oldenburg.
Auch wenn in der Familie und mit ihren Freunden in Oldenburger alles bestens lief, beruflich trat Birgül Karadag auf der Stelle.
Keinen Job gefunden
Ihre Bewerbungen liefen ins Leere: „Die glaubten mir wohl nicht, dass ich nach so kurzer Zeit schon gut Deutsch sprechen kann, dabei hatte ich mehrere Kurse besucht.“ Also beschloss sie, sich mit einem Reiseunternehmen selbstständig zu machen. Zunächst verteilte sie Visitenkarten bei den Gästen ihres Mannes sowie Bekannten und Freunden, baute sich so einen Kundenstamm auf, von dem sie heute profitiert. Ende vergangenen Jahres hat sie dann gemeinsam mit ihrem Ehemann ein eigenes Reisebüro an der Ritterstraße eröffnet.
An Oldenburg schätzt sie den toleranten Umgang der Menschen miteinander. „Die Kulturen tauschen sich aus, lernen und profitieren voneinander. Je offener man für Anregungen ist, desto besser“, meint Birgül Karadag. Ihre beste Freundin ist übrigens Deutsche.
