OLDENBURG - Er nimmt die Witterung eines Ortes auf. Stellt sich vor, was Menschen in einem Gebäude suchen, wie sie sich fühlen. Er sieht Wege, die sich im Innern von Bauwerken kreuzen, er nimmt eine Stadt als ganzheitlichen Organismus wahr, dem hier und da etwas fehlt. Siegfried Moritz (62) ist Architekt „mit Leib und Seele“, wie er glaubwürdig versichert – und an diesem Freitag seit 25 Jahren selbstständig. MAO (Moritz Architekten Oldenburg) heißt das Signet, unter dem er seit dem 1. April 1986 segelt.

Der gebürtige Vareler hatte Zimmermann gelernt, nach Ingenieur und Fachhochschule in einem Architekturbüro gearbeitet – und machte dann sein Diplom an der TU Hannover, wo er später an der Sanierung des Stadtteils Linden mitwirkte. Familiäre Gründe führten zum Wechsel nach Oldenburg, wo er bei Eilers, Berg und Partner einstieg – und in die Planung von Großprojekten. Er entwarf etwa den Zentralbereich der Uni am Uhlhornsweg. Erfahren genug machte er sich selbstständig.

„Wir wurden richtig schnell groß“, erinnert er sich. Zu schnell, wie er heute meint. Büro am Schlagbaumweg, Niederlassungen in Leipzig und auf Rügen: „Man kann so etwas nicht aus der Ferne leiten. Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen.“ Aus 20 Mitarbeitern wurden fünf, aus dem großen Büro ein in das Wohnhaus in Eversten eingebetteter Betrieb.

Hier ist er stets auf der Suche nach dem Mittelweg zwischen Gestaltungsanspruch und Wirtschaftlichkeit, wie er es ausdrückt; das gilt fürs Architektenhaus ebenso wie für den Industriebau: „Niemals spezialisieren“, rät er. Deswegen designt er Möbel, baut Praxen, Gastronomie (das lichtdurchflutete Café Klinge), Kinos, Mehrzweckgebäude (das Nordtor an der Nadorster Straße oder das Ökozentrum an der Uni), entwickelt Projekte: „Der Kunde sagt: Ich hab’ hier ein Grundstück. was können wir daraus machen?“ Dabei akzeptiert er keine Denkverbote: „Wir müssen über Architektur diskutieren.“ Deswegen würde er sich wünschen, dass trotz des Protests gegen OB Schwandners Ideen über Mehrfamilien- und Hochhäuser diskutiert wird: „Viele junge Leute wollen nicht in Einzelhäusern mit Garten wohnen. Die gehen nach Bremen.“ Was fehle: Ein ganzheitliches Konzept zur Stadtentwicklung: „Darüber muss geredet werden.“

Viele verbinden mit Moritz statt des Ronald-McDonald-Hauses für Eltern schwer kranker Kinder, das er baute, eher den gescheiterten „Jahrhundertschritt“ 2005, als er als Vorsitzender des Architekten- und Ingenieurvereins eine Neuauflage der Landesausstellung 1905 auf die Dobbenwiesen stellen wollte. „Da habe ich mich völlig verausgabt“, sagt er heute. Und: „Ich finde es immer noch schade, dass das nichts geworden ist.“


Vielleicht hat das Thema ein Nachspiel auf der Bühne. Moritz plant ein Theaterstück; ein Zwiegespräch zwischen Peter Behrens, der die Landesausstellung 1905 realisierte, und Paul Bonatz, dem Architekten des Oldenburgischen Landtags. Das zweite Buch „Kohlpartie oder die alltägliche Korruption auf dem Land“ soll „viel eigene Erfahrungen“ enthalten.