OLDENBURG - Es gibt ihn noch, den amerikanischen Traum. Für Jens Jessen erfüllte er sich ganz unverhofft.
Von Christian Quapp
OLDENBURG - Eigentlich sollte es nur ein kurzer Besuch werden, eine Chance, mal bei einem der bekanntesten Architekten der Welt hinein zu schnuppern. Als Jens Jessen das Büro von Daniel Libeskind wieder verließ, hatte er einen neuen Job in der Tasche.Der Architekturstudent aus Oldenburg hatte im Oktober 2004 ein Praktikum bei der New Yorker Firma Site begonnen. Dann stellte Architekturstar Libeskind (entwarf das Jüdische Museum in Berlin und baut gerade das neue World Trade Center) in New York sein Buch vor, Jessen ließ sich ein Exemplar signieren und kam mit Libeskind ins Gespräch.
Einige Tage später versuchte er, in das New Yorker Büro des Architekten in Lower Manhattan zu kommen, wurde aber nicht vorgelassen. Nach vielen vergeblichen Telefonaten sprach er mit Libes-kinds Frau Nina und bekam einen Termin. „Ich wollte mir das Büro nur mal ansehen“, beteuert Jessen. „Ich wollte wissen, wie die arbeiten.“
Doch nach einem kurzen Gespräch mit der Chefin fragte sie plötzlich „Wann kannst du anfangen?“. Jessen zögerte nicht lange, sprach mit seinen Arbeitgebern und konnte sein Praktikum bei Libeskind fortsetzen. „Ich wurde sofort ins kalte Wasser geworfen“, erinnert er sich. „Nach einer Woche kam Nina mit einer Skizze auf einer Serviette. Daniel hatte sie gezeichnet, und ich sollte ein Modell bauen.“
Jessen machte sich an die Arbeit, und kurz vor Ende seines Aufenthaltes fragte er, ob er für ein weiteres Praktikum wiederkommen dürfe. „Mach dein Studium zu Ende, dann stehen dir unsere Türen offen“, war die Antwort der Chefin. Von einem Praktikum war keine Rede mehr, Libeskind wollte ihn fest anstellen.
Jessen flog in den Semesterferien noch einmal nach New York und kam mit einem Projekt für seine Diplomarbeit zurück. Libeskind plante einen Komplex aus Luxuswohnungen und einem Hotel in Denver – und eines der Gebäude sollte der Oldenburger Student entwerfen. Inzwischen ist die Diplomarbeit fertig, Jens Jessen hat seinen Abschluss mit der Note Eins gemacht. Er sitzt auf gepackten Koffern: „Einen Teil der Einrichtung haben wir verkauft, der Rest der Sachen kommt zu meiner Mutter ins Allgäu.“
Dort, in der Nähe von Kempten, war der gebürtige Oldenburger aufgewachsen, kam zum Studium mit seiner Freundin Isabell Stamm zurück an die Fachhochschule Oldenburg. Am 11. Oktober fliegt Jessen, im Januar kommt seine Freundin nach. Sie will in New York ein Aufbaustudium absolvieren und später promovieren.
Was die Zukunft bringt, will der 25-Jährige sich jetzt noch nicht ausmalen. „Erst mal bleibe ich sicher in New York, vielleicht ergibt sich später die Chance, in das Büro in der Schweiz zu wechseln.“
