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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Erfahrungen mit der Bahn zumeist positiv

26.06.2018

Oldenburg Ich habe den Artikel „Der tägliche Bahnsinn“ von Karsten Krogmann mit Interesse, aber auch Verärgerung gelesen.

Ich bin (freiwillig) regelmäßiger Bahnnutzer, wobei sich meine Bahnfahrten von vergleichsweise kurzen Regionalbahnstrecken bis hin zu Fahrten nach Südfrankreich erstrecken. Daher habe ich durchaus auch schon das eine oder andere Mal fluchen müssen, wenn es mal schief ging. Ja, das eine oder andere Mal hätte man sogar die Folgen erheblich reduzieren können, wenn z.B. ein Problem rechtzeitig kommuniziert worden wäre. Dennoch: Dem gegenüberstellen muss ich sehr viele Fahrten mit keiner oder belanglos niedriger Verspätung.

Weil mich die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Meinung zur Bahn und meinen eigenem Eindruck irgendwann arg verwundert hat, habe ich über mehrere Jahre mal die Verspätungen der Fahrten notiert: Bei einer Stichprobengröße von immerhin 249 Fahrten (davon mehr als die Hälfte mit mindestens einem Umstieg von Zug zu Zug) kann ich sagen, dass ich zu 87 Prozent weniger als 15 Minuten zu spät komme. Und das gemessen über die gesamte Reise inklusive aller Umstiege und ggf. auch ÖPNV zum/vom Bahnhof. Also eigentlich gar nicht mal schlecht, wenn man die doch meist größeren Entfernungen betrachtet, die (auch bei meinen) Bahnfahrten vorhanden sind/waren.

Und hier frage ich Herrn Krogmann: Sie haben hier von 2 bis 3 Fahrten ausführlich berichtet, aber was ist mit den anderen? Ist die Stichprobe einfach nur so klein, oder sind sie weggefallen, weil sie der gewünschten Meinung (anstelle einer neutralen Berichterstattung) nicht dienlich waren?

Interessanterweise fahre auch ich recht regelmäßig auf dem Abschnitt Hannover - Oldenburg (meist als Teil einer Reise Braunschweig - Friesoythe), mal per Zug, mal per Auto. Umso mehr wundert mich Ihre Beobachtung, dass das immer schief läuft (zumindest ist das die Botschaft, die bei mir beim Lesen hängen geblieben ist). Stichwort Auto: Dank Baustellen auf der A1 und A7 ist eine pünktliche Fahrt zwischen Oldenburg und Hannover tagsüber praktisch ausgeschlossen. Meine letzten beiden Fahrten über diesen Abschnitt hatten sich hier jeweils etwa 1 Stunde Verspätung eingefangen (leider ohne Entschädigungszahlung...). Aber ich will jetzt lieber nicht den gleichen Fehler mit der zu kleinen Stichprobe bzw. dem Ignorieren angenehmer Fahrten machen...

Kurz zusammengefasst: Letztendlich kann es in beiden Fällen schiefgehen.

Schade, dass Sie hier keine Daten liefern, ob die Bahn im Vergleich zu Ihrer Konkurrenz eigentlich wirklich sooo schlecht (und praktisch nicht mehr nutzbar) ist. Wobei ich auch sagen muss: Natürlich darf man auch den Anspruch haben, dass die Bahn (die ja immerhin exakte Fahrplänen nutzt) pünktlicher ist als ihre Konkurrenz.

Viel wichtiger ist für mich aber die Frage: Was wollten Sie eigentlich mit dem Artikel erreichen? Es wirkt so, als ob Sie sich etwas die Wut über Ihre schlecht gelaufenen Fahrten herausschreiben wollten. Leider hat dies aber dazu geführt, dass fast eine wertvolle Seite der Zeitung mit einem „persönliche-Meinung“-Artikel belegt war, in dem man vergeblich nach vertieften sachlichen und halbwegs neutralen Informationen sucht, die man bei einem nicht als Kommentar oder Meinung markiertem Artikel erwartet.

Nach dem Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“ nehme ich aber mal an, dass Sie stattdessen konstruktive Kritik ausüben wollen und eigentlich nur die Bahn über öffentlichen Druck zur Besserung zwingen wollen (was sehr zu begrüßen wäre). Das kann teils gelingen, jedoch fürchte ich auch folgendes: Der Artikel wird vielen, die aktuell wenig Kontakt zur Bahn haben (bzw. dieser neutral gegenüber stehen), natürlich ein Bild über die Bahn liefern, das sehr negativ ist, wohingegen der regelmäßige Bahnnutzer eh sein eigenes Bild hat. Ich merke das ganz praktisch daran, dass ich ausgerechnet von Leuten, die nie mit dem Zug fahren, immer gefragt werde, wie ich das denn machen könne, weil es doch immer verspätet und Chaos sein muss. Warum? Weil ihre einzige Wissensgrundlage über die Bahn solche Medienberichte wie ihrer sind. Das sind also Leute, die dann selbst Fahrten mit dem Auto unternehmen, die eigentlich per Bahn viel sinnvoller wären, einfach nur, weil sie glauben (aber nicht wissen), dass es nicht klappt, und nicht mehr zu einer neutralen Bewertung in der Lage sind (siehe oben: Vergleich Hannover-Oldenburg, Zug vs. Auto).

Vielleicht wären sie mit der Bahnfahrt sogar ganz zufrieden gewesen, aber soweit kann es durch die Vormeinung nicht mehr kommen. Neben der unnötig erhöhten Umweltverschmutzung, die daraus resultiert, kommt es vor allem zu folgendem Problem: Es gibt immer mehr Menschen, die denken: Ach, schafft die Bahn doch einfach ab, braucht eh keiner, wenn sie nie pünktlich ankommt. Der Druck auf (politische) Verantwortliche, etwas zu verbessern, würde dann tendenziell sinken, wenn weniger Leute die Bahn als nutzbar sehen.

Wahrscheinlich denken Sie nun, ich möchte Sie animieren, etwas positiv darzustellen, was negativ ist? Ganz klares Nein! Natürlich kann man nicht etwas schönreden, was schlecht läuft. Aber es wäre nach meiner Einschätzung weit sinnvoller, in einem solchen Artikel viel tiefer auf Gründe (und ggf. mögliche Änderungsvorschläge) einzugehen, als über eine große Seite nur die Symptome zu beschreiben (als Einleitung ist so eine Story aus der eigenen Erfahrung aber vielleicht durchaus passend).

Hier mal ein paar Beispiele:

– Warum ist der RE eigentlich überfüllt? Bei so gut wie jeder Fahrt in einem überfülltem Regionalzug höre ich: „Können die nicht einfach einen Wagen anhängen?“. Was aber kaum jemand weiß, ist, dass die Nahverkehrszüge (Kapazität, Fahrthäufigkeit usw.) über das Land Niedersachsen (in Form der LNVG) bestellt werden. Das bedeutet, dass letztendlich die Qualität des Regionalverkehrs von der Landespolitik abhängig ist und sich grundsätzlich im Rahmen von Landtagswahlen thematisieren ließe. Wobei im Fall von Niedersachsen sogar noch ein bisschen das Problem besteht, dass die LNVG von ihrem eigenen Erfolg überrannt wurde und gerade die Verbesserungen der letzten Jahre erst zu Zugüberfüllungen geführt haben (vgl. insbesondere die Nahverkehrsfreigabe des ICs zwischen Oldenburg und Bremen).

– Warum wartet der private Nahverkehrszug auf meinen leicht verspäteten ICE nicht? Die Nahverkehrsunternehmen müssen Strafzahlungen für Verspätungen bezahlen. Daher fahren sie gerne in den Knotenbahnhöfen pünktlich los, auch wenn durch kurzes Warten der Anschluss hergestellt werden könnte (ein Bekannter war eine Zeit lang als Lokführer für ein privates Bahnunternehmen tätig. Als er mal von einem ICE-Zugbegleiter die Bitte um kurzes Warten auf Anschlussreisende bekam, aber sein Vorgesetzter wollte, dass er trotzdem pünktlich abfährt, hat er sich einfach spontan eine Türstörung einfallen lassen, die sich dann in dem Moment, als die Anschlussreisenden eingestiegen waren, als falsche Fehlermeldung entpuppt hat ;-) Tja die Eisenbahner haben mitunter auch keine Lust auf diese politischen Spielchen).

– Kann man keine bessere Qualität vorschreiben? (Stichwort: Schienenpersonenfernverkehrsnetz): Der Bundesrat hat ein Gesetz ausgearbeitet, das es ermöglicht hätte, dass durch den Bund Mindestangebote definiert worden wären (ähnlich so wie bei der Bestellung im Nahverkehr) und so auch gewährleistet wäre, dass flächendeckend regelmäßiger Fernverkehr angeboten wird (also auch zu Städten wie Wilhelmshaven oder Bremerhaven). Ggf. hätte man sogar über dieses Gesetz die Qualität der Verbindungen definieren können (was wohl wir beide sehr begrüßen würden). Leider hat die Bundesregierung erst vor Kurzem das Gesetz abgelehnt und möchte den bisherigen Weg weitergehen.

PS: Nein, ich arbeite nicht bei der Bahn, und auch generell nicht im Bahnbereich. Ich bin einfach nur allgemein an der Thematik interessiert und sehe eine (funktionierende) Bahn durchaus auch als Werkzeug gegen den Klimawandel (Stichwort Elektromobilität) und weitere Umweltbelastungen.

Martin Schwerter

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ICE | LNVG | Bundesrat | Bund | Bundesregierung

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