Oldenburg/Nürnberg - Monat für Monat legt die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg ihre neueste Statistik zur Arbeitslosigkeit vor. Doch egal wie gut oder schlecht diese Zahlen auch ausfallen, stehen zwei Vorwürfe immer wieder im Raum: Erstens sei die Arbeitslosenstatistik geschönt und zweitens werde verschwiegen, wie viele Arbeitslose es tatsächlich gibt. Doch stimmt das auch? Fragen und Antworten:
Wer gilt in Deutschland als arbeitslos?
Wer offiziell in Deutschland als arbeitslos zu gelten hat, ist im Sozialgesetzbuch (SGB) III geregelt. Dazu zählen Menschen, die sich bei der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet haben (und für ihre Vermittlung zur Verfügung stehen), die gar nicht oder weniger als 15 Stunden pro Woche arbeiten und die einen sozialversicherungspflichtigen Job suchen. Grundsätzlich nicht als Arbeitslose angesehen werden Schüler, Studenten und Rentner, auch wenn sie im erwerbsfähigen Alter sind.
Wie viele Bürger sind laut SGB III arbeitslos?
Im Jahresdurchschnitt 2017 trafen diese Kriterien auf rund 3,517 Millionen Menschen in Deutschland zu. Trotzdem lag die offizielle Arbeitslosenzahl um etwa eine Million niedriger, nämlich nur bei 2,533 Millionen.
Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?
Die rund eine Million Menschen werden herausgerechnet, weil sie lediglich als unterbeschäftigt gelten. In diese Gruppe der sogenannten Unterbeschäftigten fallen etwa Arbeitslose, die gerade an einer Weiterbildungs- oder Umschulungsmaßnahme teilnehmen. Auch all diejenigen, die einen Ein-Euro-Job haben, die Integrations- und Sprachkurse besuchen („Fremdförderung“), einen Gründungszuschuss erhalten oder vorübergehend krank sind (also absehbar wieder arbeitsfähig sind), werden nicht als arbeitslos registriert, sondern als unterbeschäftigt. Zudem fehlen Hartz-IV-Empfänger über 58 Jahre, die in den vergangenen zwölf Monaten keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten bekommen haben.
Sind damit nun alle Arbeitslosen erfasst?
Nicht zwingend. Neben den offiziell Arbeitslosen und den Unterbeschäftigten gibt es noch eine dritte Gruppe: die sogenannte stille Reserve. Hierzu zählen Menschen, die sich zwar bei der Arbeitsverwaltung nicht arbeitslos melden, die aber durchaus bereit wären, eine Arbeit aufzunehmen. In diese Gruppe fallen überwiegend Personen, die keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung haben – zum Beispiel Hausfrauen, die bisher keiner Berufstätigkeit nachgegangen sind. Zur stillen Reserve werden aber auch all diejenigen hinzugezählt, die sich nach längerer Arbeitslosigkeit entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Wie viele Menschen zur stillen Reserve gehören, kann allerdings nicht exakt beziffert werden, weil sie sich ja nicht arbeitslos melden. Ihre Zahl kann daher nur geschätzt werden und selbst dabei kommt es rückwirkend immer wieder zu größeren Anpassungen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) etwa gab die stille Reserve im engeren Sinne für 2016 mit rund 305 000 an. Für 2017 prognostiziert das Institut einen Rückgang um 38 000 auf 267 000.
Wie hoch wären die Arbeitslosenzahlen inklusive stiller Reserve und Unterbeschäftigte?
Würde man die offizielle Arbeitslosenzahl, die Zahl der Unterbeschäftigten und die prognostizierte stille Reserve im engeren Sinne für 2017 zusammenzählen, käme man im Jahresdurchschnitt auf rund 3,78 Millionen Menschen ohne Job, wobei die stille Reserve eher als Größenordnung denn als exakte Zahl verstanden werden sollte. An der grundsätzlichen Tendenz ändert sich indes auch dann nichts: Die Arbeitslosenzahlen sind – selbst unter Berücksichtigung von Unterbeschäftigung und stiller Reserve – seit Jahren rückläufig. Vor zehn Jahren wären nach diesen Kriterien noch mehr als sechs Millionen Menschen arbeitslos gewesen.
Grafik: Mediengrafikschmiede
Wird die Arbeitslosenzahl schöngerechnet?
Hier gehen die Meinungen von Experten auseinander. Als „ein Stück Volksverdummung“, bezeichnete kürzlich im ZDF etwa Professor Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Arbeitsökonomie an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen, die Zahlen. „Die Arbeitslosenzahlen auf Basis der registrierten Arbeitslosenzahlen sind ganz klar schöngerechnet. Die wirkliche Zahl der Arbeitslosen ist im Land deutlich höher“, kritisiert er. Zu einem anderen Urteil kommt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Es sind keine Statistiktricks und es ist auch keine Schönfärberei“, sagte er gegenüber dem MDR. „Allerdings darf man das Augenmerk nicht nur auf die Zahl der registrierten Arbeitslosen richten, sondern man muss auch sehen, was nebenher noch gemeldet wird.“ Weitgehend einig sind sich die meisten Experten darin, die stille Reserve nicht mit in den offiziellen Statistiken der Bundesagentur für Arbeit zu veröffentlichen – eben weil es schlicht nicht möglich ist, ihre Zahl exakt anzugeben. Anders sieht dies bei einigen Gruppen aus, die in die Kategorie Unterbeschäftigung fallen. Auch für Brenke ist das nicht immer nachvollziehbar: „Bei anderen Gruppen habe ich große Zweifel, ob das so sinnvoll ist, beispielsweise, dass man Personen einfach abschreibt, die 59 Jahre und älter sind und sie einfach aus der Statistik ausklammert.“ Das sei im Grunde keine wissenschaftliche Aktion, „sondern eine rein politische“.
Verschweigt die Agentur für Arbeit die Zahlen?
Nein, Heimlichtuerei kann man der Bundesagentur für Arbeit nicht vorwerfen. Zusammen mit der offiziellen Arbeitslosenzahl veröffentlicht die BA – durchaus nicht versteckt – jeden Monat in ihren Arbeitsmarktberichten auch detailliert die Zahl der Unterbeschäftigten. Die Daten werden offen von der Agentur kommuniziert und sind frei verfügbar.
Wie sieht es aus im internationalen Vergleich?
Vergleicht man die offizielle Arbeitslosenstatistik in Deutschland mit internationalen Methoden, werden hierzulande vergleichsweise wenige Menschen herausgerechnet. Bei internationalen Vergleichen wird zumeist auf den Standard der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, einer Organisation der Vereinten Nationen, zurückgegriffen. Ein wesentlicher Unterschied: Nach dem ILO-Standard, an dem sich etwa auch die europäische Statistikbehörde Eurostat und die Industrieländerorganisation OECD orientieren, reicht es schon, eine einzige Stunde in der Woche zu arbeiten, um als erwerbstätig zu gelten und damit aus der Statistik zu fallen. In Deutschland hingegen gelten auch Menschen mit 14-Stunden-Job als arbeitslos.
Wie viele Bürger waren laut ILO arbeitslos?
Nach dem ILO-Erwerbskonzept waren in Deutschland im November 2017 – dem letzten Monat, für den Zahlen vorliegen – nur 1,50 Millionen Menschen arbeitslos gewesen. Die Arbeitlosenquote lag hierzulande auf Basis des ILO-Standards bei 3,4 Prozent. In der Europäischen Union kommt nur die Tschechische Republik auf einen noch niedrigeren Wert. Die offizielle Arbeitslosenstatistik wies für Deutschland im November hingegen eine Arbeitslosenquote von 5,3 Prozent aus.
Wie sieht es mit der Arbeitslosigkeit im Oldenburger Land aus?
Offiziell waren im Oldenburger Land im Dezember 2017 insgesamt 32 329 Menschen arbeitslos gemeldet – 25 095 im Arbeitsagenturbezirk Oldenburg und 7234 im Agenturbezirk Vechta. Nimmt man die Gruppe der Unterbeschäftigten hinzu, würde die Zahl der Arbeitslosen um 14 426 (bzw. rund 44,6 Prozent) auf 46 755 wachsen. Im Agenturbezirk Oldenburg (der die Städte Oldenburg, Wilhelmshaven und Delmenhorst sowie die Kreise Wesermarsch, Friesland, Ammerland und Oldenburg umfasst) läge die Arbeitslosenquote dann nicht bei 6,2 Prozent, sondern bei 8,9 Prozent, im Bezirk Vechta (Kreise Cloppenburg und Vechta) wären es statt 4,0 Prozent in diesem Fall 5,6 Prozent. Regionale Statistiken zur stillen Reserve gibt es nicht.
Grafik: Jörg Schürmeyer
Wie ist die Arbeitslosen-Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr?
Im Vergleich zu den Vorjahreszahlen war im Dezember im Oldenburger Land sowohl die offizielle Arbeitslosenzahl als auch die Unterbeschäftigung rückläufig, wobei der Rückgang der offiziellen Arbeitslosenzahl mit 2631 etwa doppelt so hoch ausfiel wie die Zahl der Unterbeschäftigung. Ursächlich hierfür war vor allem ein deutlicher Anstieg bei den Personen in „Fremdförderung“, also vor allem Flüchtlingen, die Integrations- und Sprachkurse besuchen.
