OLDENBURG - NS-Oberbürgermeister Rabeling versucht, militärische Operationen aus der Stadt herauszuhalten. Wehrmachtskommandeure wollen jedoch kämpfen.

Von Hans Drunkenmölle

OLDENBURG - Ende April 1945 spitzt sich die militärische Lage im Nordwesten dramatisch zu. Nach heftigen Gefechten überrollt die 2. kanadische Division den äußersten oldenburgischen Verteidigungsgürtel. Am 27. April bricht der Widerstand der Wehrmacht zusammen. Langsam marschieren die Kanadier auf die „Gauhauptstadt“ Oldenburg zu, deren Schicksal am seidenen Faden hängt: Fanatische Wehrmachtführer wollen den „Kampf bis zum Letzten“.

Grausam gehen sie gegen Soldaten vor, die im Kampf keinen Sinn mehr sehen. Sechs Männer werden von Standgerichten wegen angeblicher Desertion zum Tode verurteilt und an Strommasten aufgehängt. Zwei Tage hängen die Leichen „zur Abschreckung“ an Straßenkreuzungen in Kreyenbrück und Osternburg.

Unterdessen machen sich lokale Nazi-Größen aus dem Staub. Gauleiter Wegener verabschiedet sich per Drahtfunk mit Durchhalteparolen zum Stab von Großadmiral Dönitz nach Plön; Nachfolger Joel ist seiner Aufgabe nicht gewachsen. Kreisleiter Engelbart schnürt sein Fluchtgepäck und verschwindet in Verkleidung.

NS-Oberbürgermeister Heinrich Rabeling und einige seiner engeren Mitarbeiter versuchen, militärische Operationen aus der Stadt herauszuhalten. Für 80 000 Einwohner gibt es nämlich nur einen großen Bunker mit Platz für 8000 Menschen. Die Wehrmachtskommandeure lässt dies ungerührt. Sie berufen sich auf ihre Gehorsamspflicht und wollen die Stadt nicht räumen. Die Sprengung der Amalienbrücke über den Küstenkanal und der Eisenbahnbrücke über die Hunte deuten zunächst auf die Ernsthaftigkeit der militärischen Absichten hin.


Über das Schicksal von Oldenburg entscheiden die Militärbefehlshaber ohne das Zutun von Zivilisten. Noch am 1. Mai sprechen sie von Verteidigung; am 2. Mai bereits erhalten die deutschen Truppen den Befehl, sich in den Raum nördlich von Rastede/Nethen zurückzuziehen. Die Stadt wird kampflos geräumt, ohne dass zivile Dienststellen davon Mitteilung erhalten.

Über intakte Fernsprechleitungen meldet sich an diesem Abend ein kanadischer Offizier bei Heinrich Köhnke, dem Kommandeur der Oldenburger Schutzpolizei: „Mein Kommandeur, dem bekannt ist, dass sich in Oldenburg zahlreiche Lazarette befinden und dass die Stadt vom Luftkrieg bisher noch wenig betroffen wurde, möchte diese schöne Stadt auch ferner schonen und wissen, ob sie verteidigt werden soll oder nicht.“ Köhnke informiert umgehend Oberbürgermeister Rabeling, der den Aliierten den Abzug deutscher Truppen bestätigt.

Die ersten Kanadier marschieren von Wüsting und Osternburg in die Stadt ein und sind erstaunt, keinen Widerstand zu finden. Einen „Nibelungenkampf“ um die „Gauhauptstadt“ gibt es nicht. Am Morgen des 3. Mai übergibt Oberbürgermeister Rabeling den Alliierten die Stadt. Der Artilleriebeschuss auf und über Oldenburg hört auf. Am 5. Mai kapituliert die deutsche Nordwest-Armee.