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Oldenburger Expertin Klärt Auf Orientierung im Labyrinth der Fairtrade-Siegel

Oldenburg - „Oldenburg wird ,Fairtrade Town‘“ lautete die Überschrift eines Ð-Artikels vom 16. Mai. Die Stadt hat sich für den fairen Handel ausgesprochen. Der soll sicherstellen, dass zum Beispiel Produzenten von Kaffee oder Kakao gerechte und verlässliche Preise für ihre Waren erhalten und sich eine Lebensgrundlage sichern können.

Verbraucher sollen diese fair gehandelten Produkte an hierfür geschaffenen Siegeln erkennen, die auf die Verpackungen gedruckt werden und auch als Label bezeichnet werden. Namen wie „Fairtrade“, „Ethical Trading Initiative“ oder „Fair For Life“ klingen dabei vielversprechend.

Verbraucher verlieren den Überblick

Was ursprünglich aus einer Idee Ende der 80er Jahre hervorgegangen ist, hat heute enorme Auswüchse angenommen. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl dieser Labels, die vorgeben, den fairen Handel zu attestieren. Ähnlich verhält es sich bei Öko-Siegeln. Das Ergebnis: Verbraucher verlieren in diesem Label-Labyrinth den Überblick.

Die NWZ hat sich mit Canan Barski getroffen, die eine erste Orientierung zum Thema geben kann. Die 30-Jährige ist eine der Sprecherinnen und Koordinatorin der Fairtrade-Town-Steuerungsgruppe Oldenburg und arbeitet beim Verein Ökumenisches Zentrum Oldenburg (ÖZO) als Eine-Welt-Promotorin. Zum fairen Handel kann sie die wichtigsten Fragen beantworten und betont, dass viele Aspekte auch auf die Öko-Labels übertragbar sind.

Was steckt hinter Fairtrade- und Ökosiegeln?

Die Siegel sollen zeigen, dass sich Produkte von anderen Produkten abheben. Dabei stehen sie für Standards (ökologische, soziale aber auch die Qualität betreffend), die bei der Produktion eines Produktes entweder entlang der gesamten Wertschöpfungskette oder bei einzelnen Stationen wie Rohstoffgewinnung Produktion oder Handel eingegangen werden müssen. Eine Orientierung sind die zehn Grundsätze des fairen Handels (siehe Infobox). Je nach Label unterscheiden sich diese Standards in ihrem Fokus und ihrem Anspruch.


Es gibt Organisationen, die die Siegel vergeben und die Einhaltung der Standards kontrollieren. Mittlerweile geben auch Unternehmen ihre eigenen Labels heraus. Das verwirrt zusätzlich.

Hinter dem wohl bekanntesten Label mit sozialen Standards in Deutschland, dem Fairtrade-Siegel, steht der Verein Transfair, der 1992 gegründet wurde. In anderen Staaten gibt es ähnlich Vereine. Zudem gibt es den internationalen Verein Transfair.

Warum gibt es die Siegel überhaupt?

Die Siegel resultieren aus dem Interesse von Kunden, die wissen wollen, woher Produkte, die sie kaufen, stammen und unter welchen Bedingungen sie produziert wurden. Diese Fragen sollen mit den Siegeln, die für unterschiedliche Produktions- oder Lieferstandards bürgen, beantwortet werden.

Weshalb gibt es mittlerweile so viele Siegel?

Das Bewusstsein der Kunden für nachhaltig produzierte und gesunde Produkte ist in den vergangenen Jahren extrem gestiegen. Die Siegel haben für den Verkauf also an Bedeutung gewonnen, weil sie den Kunden anzeigen, dass die Produkte unter fairen Arbeitsbedingungen oder unter ökologischen Aspekten hergestellt wurden.

Das haben die Unternehmen, unter ihnen auch große Supermärkte und Discounter, bemerkt und ihre eigenen Labels herausgegeben. Die stehen aber in den meisten Fällen nicht für eigene Standards, sondern bilden die Standards anderer Gütesiegel ab, meist das Transfair- oder das EU-Biosiegel.

Was sind die Schwachstellen der Siegel?

Es gibt mehrere Schwachstellen. Einer ist die Schärfe der Richtlinien. Je anspruchsvoller die ausfallen, desto höher sind Hürden für Produzenten, unter den Bedingungen zu produzieren. Schwierig ist es auch für Unternehmen, die Kriterien in ihre Unternehmenspolitik zu integrieren. Je allgemeiner die Vorgaben sind, desto mehr Akteure können sich für diesen Weg entscheiden. Das Siegel ist dann aber weniger streng.

Ein weiteres Problem ist das sogenannte Fairwashing. Dabei lassen Unternehmen einzelne Produkte ihres Angebotes fair produzieren und mit Labels ausstatten, um den Anschein von Fairness zu erwecken. Die Unternehmenspolitik bleibt dabei aber alles andere als fair.

Bemerkenswert ist auch, dass es bereits seit 30 Jahren Fairtrade-Siegel gibt, das Ganze aber immer noch ein Nischendasein fristet. Bio-Labels haben sich dagegen sehr etabliert und in kurzer Zeit an Bedeutung gewonnen.

Ein Rätsel ist in dem Zusammenhang, dass die Menschen oft wissen, unter welchen problematischen Bedingungen zum Beispiel Kaffee oder Bananen angebaut werden. Ähnlich ist es bei Kleidung aus Bangladesch. Die Kunden kaufen die Produkte trotzdem.

Um vom Wissen zum Handeln zu kommen, können die Siegel unterstützen. Sie sind aber nicht die einzige Möglichkeit, die Welt gerechter zu machen. Dafür braucht es vor allem eine engagierte Zivilgesellschaft und politische Rahmenbedingungen.

Wie fair sind faire Produkte wirklich?

Das ist von Siegel zu Siegel anders. Die Einhaltung der Standards wird kontrolliert, aber auch das unterscheidet sich je nach Siegel. Entscheidend ist der Anspruch der Standards. Sicher ist, dass konventionelle Waren meist nicht unter fairen Bedingungen hergestellt werden!

Welche Siegel haben die höchsten Ansprüche?

100 Prozent fairen Handel, vom ersten Handgriff bis zum Supermarkt, garantieren Fairhandelsunternehmen wie „Globo“ (von der Globo Fair Trade Partner GmbH), dwp (von der Genossenschaft Welt Partner), El Puente (von der El Puente GmbH) und Gepa (von der Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt mbH).

Ist ein faires und nachhaltiges Leben in Oldenburg möglich?

Ja, auf jeden Fall. Es gibt in Oldenburg in diesen Bereichen eine sehr gute Infrastruktur. Im Stadtgebiet gibt es viele Geschäfte, die fair gehandelte Produkte anbieten. Tipps findet man auch im „Kostbar“-Gutscheinbuch für Oldenburg vom Verein „Transfer – Netzwerk nachhaltige Zukunft“.

In Sachen Nachhaltigkeit gibt es auch Foodsharing oder die Angebote der solidarischen Landwirtschaft. Außerdem bestehen Repaircafés, in denen defekte Geräte wieder instand gesetzt werden sowie Kleidertauschpartys.

Die zehn Grundsätze des fairen Handels

Zehn Grundsätze hat die World Fair Trade Organisation (WFTO) festgelegt, die Fair-Handels-Organisationen bei ihrer täglichen Arbeit berücksichtigen sollen. Viele Siegel orientieren sich an diesem Ansatz. Folgende Grundsätze (hier in Kurzform) gilt es, zu erfüllen:

 Chancen für wirtschaftlich benachteiligte Produzenten sollen geschaffen werden.

 Die Transparenz- und Rechenschaftspflicht gegenüber allen Beteiligten Personen ist einzuhalten.

 Faire Handelsperspektiven ohne Profitmaximierung auf Kosten anderer Beteiligter sollen gewährleistet werden.

 Eine faire Bezahlung, die gerechte Löhne und Preise garantiert, muss gesichert sein.

 Ausbeuterische Kinderarbeit und Zwangsarbeit sind ausgeschlossen.

 Die Organisationen verpflichten sich zur Nicht-Diskriminierung, Geschlechtergerechtigkeit, Unterstützung und Förderung von Frauen in wirtschaftlichen Fragen und der Gewährleistung der Versammlungsfreiheit.

Gute Arbeitsbedingungen müssen sichergestellt werden.

Die Aus- und Weiterbildung von Kleinproduzenten wird gefördert.

 Die Förderung des fairen Handels wird vorangetrieben.

 Der Schutz der Umwelt spielt bei allen entscheidungen eine wichtige Rolle.

Eine Karte, auf der faire Geschäfte und gastronomischer Betriebe in Oldenburg verzeichnet sind sowie eine Übersicht zu verschiedenen Fairtrade-Siegeln gibt es auf der Homepage der Fairtrade-Town-Steuerungsgruppe.

Infos zu verschiedenen Siegeln gibt es im Heft „Wegweiser durch das Label-Labyrinth“ des Vereins Christlichen Initiative Romero.

Wolfgang Alexander Meyer
Wolfgang Alexander Meyer Redaktion Oldenburg
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