OLDENBURG - Im Leben von Klaus F. Schmidt (61) waren oft die Anderen schuld. Die Kameraden auf dem Schiff, auf dem er als 16-Jähriger anheuerte. Der Kompagnon, mit der er ein Milliongeschäft aufbaute, seine Familie; und vor allem die Spielbanken. Wenn man sich das Bild vom Schritt vorm Abgrund vor Augen hält, dann ist Klaus F. Schmidt schon einen Schritt weiter.
Wie der arme Poet auf dem berühmten Spitzweg-Gemälde wohnt er heute. Unterm Dach zur Miete, die er schon lange nicht mehr bezahlt. Ohne Strom. Und das geht auch, denn Klaus F. Schmidt hat viele Kerzen gesammelt.
Am Ort des Unglücks
„Ich weiß, dass ich viel falsch gemacht habe“, sagt er und zieht einen dunkelblauen Koffer vor den pittoresken Eingang des Jagdhauses Eiden, der Spielbank in Bad Zwischenahn, wo am Ufer das Wasser plätschert und die Gärtner den Rasen an der Minigolfbahn akkurat stutzen.
Hier hat alles angefangen Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nur knapp 24 Monate brauchte Klaus F. Schmidt, dann waren fünf Millionen D-Mark in der Bad Zwischenahner Spielbank und anderen Kasinos verspielt. Schmidt kam ins neue Jahrtausend als bettelarmer Mann. Ganz unten angelangt. Dort, wo er im Laufe seines Leben schon so oft war. „Das Spielen ist eine Sucht. Es ist eine Krankheit, die mich befallen hat“, erzählt er. An diesem Freitagmorgen ist er zurückgekehrt zu dem Ort, an dem man ihn früher kannte, wo er Trinkgelder von ein paar Tausend Mark gab, wenn die Kugel gut rollte.
„Alles weg, alles verspielt“, sagt er heute. Er klingt dabei nicht verbittert. „Ich habe nicht aufhören können. Das ist meine Schuld.“
Vor dem Eingang zum Kasino breitet Klaus F. Schmidt einen blauen Schlafsack aus, nimmt einen Zahnputzbecher und einen alten Wecker auf seinem Koffer und beginnt sein absurdes Camping, mit dem er gegen den Glücksspielstaatsvertrag und alles andere Übel protestiert, das seiner Meinung nach vom staatlich sanktionierten Spiel ausgeht. Es ist ein teuflisches Spiel um Höhenflug oder Untergang.
Klaus F. Schmidt hat dieses Leben am Roulettetisch mit allen Facetten gelebt. Mit jungen Frauen, die ihn, den Millionär bewundert haben. Mit Freunden, die ihn nicht mehr kannten, als der schöne Reichtum verspielt war, als nichts mehr ging am Ende seines letzten Spieltages. Das ist jetzt mehr als zehn Jahre her, und das Leben, das den Hasardeur Klaus F. Schmidt Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach oben katapultiert hat, ließ ihn hart aufschlagen auf dem Boden der bitteren Wahrheit.
Schmidt wurde mit dem Exklusivvertrieb eines Haushaltsgerätes reich, das damals Millionen Deutsche haben wollten. Schmidt hat der Aufbau des Unternehmens viel Kraft gekostet. „Deshalb ließ ich mich auszahlen. Fünf Millionen Mark damals. 2,56 Millionen Euro wären das heute. Ich hatte ein Haus in den Niederlanden, eine Wohnung in Luxemburg, eine Yacht, schnelle Autos. Und viele Frauen“, erinnert er sich – und das ist einer der wenigen Momente, wo seine Stimme ruhiger wird und das traurige und blutleere Gesicht des Klaus F. Schmidt Lebenskraft hat.
Jetons für Kinder
Schmidt weiß, dass er den Kampf um das Geld, das er in Bad Zwischenahn, Bremen und anderen Kasinos der Republik verloren hat, nicht gewinnen wird. „Ich klage zwar, weil es auch andere Spieler gegeben hat, zu deren Gunsten Gerichte urteilten, aber ich mache das mit wenig Hoffnung.“ Nur, dass die Sozialbehörde in seinem Wohnort Delmenhorst ihm nicht die Grundsicherung Hartz bezahlen will, weil man nicht glauben will, dass der eloquente und intelligente Ex-Unternehmer nicht doch noch irgendwo ein paar Mark oder Euro versteckt hält.
„Ich bemühe mich darum, dass man mir hier in der Spielbank dokumentiert, wie viel ich verloren habe. Leider beantwortet niemand meine Briefe“, sagt er. Deshalb hat er auch seinen Schlafsack ausgerollt und seine Zahnbürste in einen Becher gestellt. Er wolle zur Probe vorm Kasino campieren. „Vielleicht muss ich ja bald ernsthaft hierher und auf der Wiese schlafen“, blickt er in seine freudlose Zukunft.
Und wenn auch alles verloren ist, eines will Klaus F. Schmidt noch gewinnen. Das treibt ihn an. Er will, dass sich weniger Spielsüchtige in den Ruin zocken. „Es gibt Kasinos, die laden Kinder zum Probe-Roulette ein“, hat er gesehen und dokumentiert. Und er hat wieder eine Idee. Er nennt es „GameCard“, das bargeldlose Glücksspiel. Man solle den Spielern nur so viel genehmigen, wie sie verkraften können, erzählt er. Es scheint, Klaus F. Schmidt hat das Spiel noch immer nicht verstanden.
