OLDENBURG - Die ehemalige Verkäuferin Ruth Hoting schwärmt: „Ein besseres Verkaufen gab es nie.“

Von Klaus Fricke

OLDENBURG - „Komm’, wir gehen zu Merkur, Rolltreppe fahren!“ Kleine (und wohl auch große) Oldenburger haben diesen Satz in den 1950er- und 60er-Jahren gern fallen lassen. Schließlich hatte das Warenhaus Merkur die erste Rolltreppe der Stadt zu bieten, außerdem eine repräsentative Fassade und vier große Schaufenster. Kurzum: Merkur an der Ecke Ritterstraße/Mühlenstraße galt zwar als Arme-Leute-Warenhaus, zugleich aber auch als chic.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das auffällige Gebäude schon eine über 50-jährige Geschichte hinter sich. Erbaut wurde es 1910 von dem Bremerhavener Kaufmann Klemens Bernhard Hitzegrad – der das Wort Rolltreppe natürlich nicht kannte. Und trotzdem waren die Aufstiege ein Blickfang: Eine massive Stein-Marmor-Treppe führte in die oberen Etagen, gesichert mit schmiedeeisernen Geländern und erhellt von bleiverglasten bunten Fenstern mit Märchenmotiven.

Der architektonische Zauber hielt auch den wirtschaftlichen Bewegungen der 50er-Jahre stand. Das Kaufhaus Hitzegrad (Textilien, Geschirr, Haushaltswaren und Spielwaren) wurde 1953 vom Warenhaus Merkur übernommen, dessen Verantwortliche zwar in die Rolltreppe und anderes investierten, zugleich aber viel unverändert ließen. „Damals begann die beste Zeit des Hauses. Ein schöneres Verkaufen hat es nie gegeben“, sagt Ruth Hoting.

Der Oldenburgerin verdankt die Stadt, dass diese und andere Details aus der Arbeitswelt der 1950er-Jahre nicht verloren gehen. Ruth Hoting war damals bei Merkur zuerst Verkäuferin, später in der Verwaltung und Ausbildung tätig. Heute hilft sie dabei, aus solchen privaten Geschichten öffentliche Stadtgeschichte zu machen, als Sprecherin der Agenda-Gruppe „Zeitzeugenbörse“.


Und was Ruth Hoting und Mitstreiter wie der frühere Merkur-Dekorateur Ernst Herpertz zu erzählen haben von ihren Merkur-Jahren, erstaunt Zuhörer immer aufs Neue. „Geschäftsführer Albert Fuhs war eine Seele von Mensch. Er übernahm viele soziale Einrichtungen von Hitzegrad und fügte noch viele hinzu“, so Ruth Hoting. „Unsere Azubis hatten das Glück, in einem Haus mit jeder Warengruppe zu lernen.“

Berühmt sind die Weihnachtsfeiern für die Mitarbeiterkinder, die weihnachtliche Büchergabe (50 D-Mark) für jeden Angestellten oder das Kantinenessen für 30 Pfennig. Für heutige Verhältnisse geradezu unglaublich sind zudem die Wassereimer, in denen Verkäuferinnen an heißen Tagen ihre Füße kühlen, oder die Möglichkeit, vom ersten Stock aus angeln zu können. Die Husbäke floss damals direkt am Haus vorbei .

„Wir waren noch besser gestellt als bei Hitzegrad, es war bei Merkur alles sehr familiär“, sagt Herpertz. Und wenn’s denn doch mal zu voll wurde an Schlussverkaufstagen, wurden die schönen Türen einfach geschlossen und die Menge über die Hintertür hinausgeschleust.

Der Rest der Geschichte des Gebäudes ist schnell erzählt. 1965 übernahm es Horten, riss das Haus ab und baute komplett neu (die Waben-Fassade ist auch schon wieder Kult). Mittlerweile heißt das Haus Galeria Kaufhof – und Rolltreppe fahren kann man dort immer noch.