Oldenburg - Meistens sind Babys schuld und nicht die Oma. Auch bei Ronja Diedrich war es so. „Als ich schwanger war, hatte ich Beschäftigungsverbot und plötzlich so viel Zeit“, sagt die 29-Jährige. Die gelernte Krankenschwester saß zu Hause und suchte nach einer sinnvollen Ablenkung. „Also habe ich wieder angefangen, zu stricken. Das totale Klischee“, sagt sie, und muss selbst lachen.
2013 war das, seitdem hat Ronja nicht mehr aufgehört. Lernen musste sie das Stricken nicht mehr. Das hat sie aber nicht von der Oma gelernt, sondern als Kind in der Schule. „Aber zu Hause hatte ich da dann keinen Bock drauf.“ Es gab coolere Hobbys für ein Kind, fand sie damals.
Untragbare Muster
Während Ronja Diedrich das erzählt, sitzt Mirjam Storch ihr gegenüber und nickt. Ronjas gibt es viele, weiß sie. Weil sie oft herkommen, zu Mirjam in den Oldenburger Strickladen „Eine Tüte Wolle“. „Ich habe viele Kundinnen, die wieder anfangen zu stricken, weil in der Familie oder im Freundeskreis Babys unterwegs sind“, erzählt die 24-Jährige. So war das ja irgendwie schon immer. Und trotzdem ist Stricken heute etwas völlig anderes.
„Das fängt ja schon bei den Mustern an“, sagt Mirjam. „Was man in diesen Strickheften sieht...ganz ehrlich, das ist doch meistens untragbar“, sagt Mirjam. Überhaupt nicht mehr zeitgemäß. „Die haben sich seit 30 Jahren nicht verändert“. Dass man dann Stricken für altbacken halte, „kein Wunder“.
Noch immer denken viele Menschen das vom Stricken: dass es aus der Zeit gefallen ist. Wenn die 29-jährige Ronja Diedrichs auf dem Spielplatz gefragt wird, woher die hübsche Jacke ihres Sohnes stammt, reagieren viele bei der Antwort erstaunt. „Vielleicht, weil ich unter 50 bin“, sagt Ronja im Scherz. Oft schwinge aber auch ein wenig Ehrfurcht mit, sagt sie. „Die Standard-Reaktion von anderen ist eigentlich: Wow, das könnte ich niemals.“ Nachvollziehen kann sie das nicht.
Die Tür geht auf. Eine junge Kundin betritt den Laden und steuert direkt auf einen Strickpullover im Schaufenster zu. „Kann man den kaufen?“ fragt sie in Richtung Mirjam und Ronja, die Hand streicht sanft über die hellblaue Wolle. Ladenchefin Mirjam muss die Kundin enttäuschen. „Nein. Aber den kann man nachstricken“, erklärt sie.
Das ist ihr Konzept: Vorgestrickte Teile mit der passenden Wolle auszustellen, die benötigte Materialmenge und der Gesamtpreis stehen dabei. Die Frau bedankt sich und geht. „Das habe ich oft“, sagt Mirjam, als die Tür schließt.
„Die Leute kommen und wollen etwas direkt so mitnehmen. Weil sie das ja so gewohnt sind“. Dass man etwas selbst machen kann, genau so wie man es haben will, kommt vielen nicht in den Sinn. Wieso auch? „Früher war es tatsächlich einfach praktischer und sinnvoller, Klamotten selbst zu stricken. Das war billiger, als zu kaufen“, sagt Mirjam Storch. „Heute ist es einfach ein Hobby, das man sich leistet. Man muss nicht mehr stricken“, sagt sie.
Ein selbstgestrickter Pulli steht auch preislich in keinem Verhältnis mehr zu einem gekauften. „Man müsste theoretisch ja nicht nur die Wolle einrechnen, sondern auch die Arbeitsstunden“, sagt Mirjam. Und ich kann ja für einen Pulli keine 500 Euro nehmen“. Ihre These: Wer strickt, der weiß Kleidung aller Art mehr zu schätzen.
Teure Beuteltier-Wolle
„Als Anfänger kauft man sich meistens erstmal billigere Nadeln und Wolle zum üben. Aber je besser man wird, desto höher werden auch die Ansprüche an das Material“, erklärt Mirjam. Wolle von Schaf, Alpaka und Angora-Hase sind gängig und in verschiedenen Qualitäten zu haben. Zu den teureren Materialien gehören neben Seide auch der neueste Wolltrend: Garn aus dem Fell des Possums, einem australischen Beuteltier.
Mirjam hat kein Baby, trotzdem strickt sie. Seit knapp 20 Jahren mittlerweile schon. Mit fünf hat sie das Stricken von ihrer Mutter gelernt. „Mein erstes Projekt war ein Schal, der war sowas von krumm und schief“, erinnert sie sich und lacht. „Ich war so stolz! Meine Mama meinte zu mir, dass der schon noch gerade wird, wenn wir ihn waschen. Das war natürlich gelogen“, erzählt sie. „Wir haben den bestimmt 20 Mal gewaschen und nichts ist passiert. Aber ich habe ihn getragen!“
Irgendwann war er verschwunden, der erste Schal. Geblieben sind noch die allerersten Nadeln, in einem Bilderrahmen über der Verkaufstheke. „Wenn ich als Kind wütend war, dann habe ich erstmal zwei Reihen gestrickt, dann ging es langsam wieder“, das sei bei Mirjam heute noch nicht anders. Stricken macht sie eben glücklich.
Was Mirjam und Ronja fühlen, ist mittlerweile auch wissenschaftlich untermauert. „Menschen sind zufrieden, wenn sie Kontrolle über eine Tätigkeit haben. Das trifft beim Stricken zu“, sagt zum Beispiel Prof. Dr. Song Yan von der Jacobs University Bremen. Die Professorin für Psychologie beschäftigt sich mit dem Schwerpunkt Glücksforschung und kann für das Stricken viele gute Gründe finden.
Dazu gehört auch die Bestätigung, die Menschen durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe erfahren. „Wiederholende Handbewegungen helfen zudem, die Koordination zu fördern. Durch das ständige Lernen neuer Techniken werden außerdem neurale Verbindungen im Gehirn gefördert“, es schüttet Glückshormone und Botenstoffe aus, die uns beruhigen. „Die Aktivierung verschiedener Hirnareale beim Stricken fördert unser Gedächtnis“, erklärt die Psychologie-Professorin. „Stricken lenkt außerdem von negativen Gedanken ab.“ Nicht umsonst nenne man Stricken auch Yoga für den Kopf.
Netflix und Stricken
Ronja strickt nicht, wenn sie böse ist. Sie strickt während der Arbeit. Weil sie zweimal in der Woche Nachtschicht in einem Schlaflabor hat, darf sie sich beschäftigen. „Ich schaue den Leuten meistens beim Schlafen zu. Dabei kann man perfekt stricken.“ Zu Hause strickt sie auch. „Meistens, wenn ich Serien bei Netflix gucke“.
Omas im Sessel, Bündnis-90-Grüne im Bundestag der frühen 80er Jahre – für die beiden Oldenburgerinnen Mirjam und Ronja ist das nur noch ein blasses Klischee. „Selbst die Wolle ist heute so anders und Socken kratzen nicht“, sagt Mirjam Storch in ihrer trockenen, humorvollen Art.
Für sie ist das Ergebnis überhaupt nicht wichtig. „Ich sage auch zu meinen Kunden immer: Da dürfen ruhig Fehler drin sein. Es soll ja Spaß machen.“ Durchhaltevermögen und Ehrgeiz helfen beim Stricken. Eitelkeit nicht.
