OLDENBURG - Fachleute ziehen an einem Strang: Im PFL trafen sich am Mittwoch Experten zum Thema Essstörungen, um sich gegenseitig über neue Ansätze in Diagnose und Therapie dieser Erkrankungen zu informieren und ein Netzwerk zu knüpfen, das Betroffenen schnellen Zugang zu Hilfen ermöglicht. Alle Ansätze müssten allen Akteuren bekannt sein.
Initiatoren der Veranstaltung waren Psychologin Silvia von Düffel (Gesundheitsamt) und Dr. Gerd Pommer, Vorsitzender der Geschäftsstelle Niedersachsen der Ärztekammer Niedersachsen. Der Mediziner sagte, dass Ärzte Essstörungen oft unterschätzten. Viele Erkrankungen würden zu spät bemerkt. Um eine Besserung zu erzielen, müssten Ärzte sehr viel Zeit und Termine in eine intensive Behandlung einbringen, was allein schon wegen der Honorierung problematisch sei – „und wegen der oft psychologischen Ursachen“. Umso wichtiger sei eine Vernetzung mit ambulanten Therapieangeboten. Ein solches Verbundangebot stellten der Psychologe Dr. Holger Koppe, Professor Dr. Norbert Krischke von der Uni Oldenburg und Rea Kodalle vor. Sie organisieren gemeinsam ein Trainingsprojekt für Jugendliche mit Adipositas (Fettsucht). Kodalle erläuterte, dass die Sportangebote mit den Jugendlichen erarbeitet würden: „Sie wissen oft selbst, was ihnen gut tut.“ Koppe berichtete von Depressionen, Zwangsstörungen und
Selbstunsicherheit als Basis von Essstörungen. Das Projekt diene der Überprüfung von Theorien in der Praxis – und der Rückkopplung der Ergebnisse auf neue Ansätze. Krischke berichtete, dass sich der Anteil von Jugendlichen mit Adipositas und Übergewicht seit 1999 verdoppelt habe.
Dr. Wally Wünsch-Leiteritz, leitende Oberärztin einer Klinik für Magersüchtige in der Lüneburger Heide, plädierte für ein Ende der Behandlung von Erkrankten mit Magensonden. Es gebe durchaus Alternativen zur Erholung vom langjährigen Hungern: „Wer noch schlucken kann, bekommt das bei uns nicht.“ Sie sagte, dass nicht jedes essgestörte Verhalten bereits als Krankheit zu betrachten sei.
Pommer berichtete, dass eines der Probleme der Zugang zu Familien sei: „Wenn psychische Probleme erwähnt werden, wird oft zugemacht.“ Bei Migrantenfamilien sei der Umgang mit Essstörungen oft nahezu unmöglich.
