OLDENBURG - „Länger frisch“, „maxi-frisch“ oder auch „extra langer Frischegenuss“: Das sind Aufdrucke, die immer häufiger auf Milchpackungen prangen. In den Kühlregalen der Supermärkte hat sich ein Wandel vollzogen. Neben der H-Milch steht zunehmend die ESL-Milch, und die ersetzt so nach und nach die Frischmilch.
ESL steht für „extended shelf life“ und steht für längerfrische Milch. Angesiedelt ist das Produkt zwischen der ultrahocherhitzten H-Milch und der pasteurisierten Frischmilch. Die Vorteile: Sie ist gekühlt und ungeöffnet etwa 18 Tage haltbar – und hat dennoch nicht den für die H-Milch so typischen Kochgeschmack.
Anderer Geschmack
Skeptiker sprechen aber von geschmacklichen Veränderungen im Vergleich zur Frischmilch. „Konsumenten, die den frischen Milchgeschmack bevorzugen, haben das Nachsehen und werden getäuscht“, steht in einer Presseerklärung der Verbraucherzentrale Niedersachsen.
Der Geschmack werde vom Herstellungsprozess bestimmt, weiß dazu Dr. Lutz Rudzik, Leiter des Instituts für Lebensmittelqualität der LUFA Nord-West: „Das Filtrationsverfahren ist wichtig. Die wenigsten Menschen würden den Unterschied zwischen Frisch- und ESL-Milch schmecken.“ Auch vom gesundheitlichen Wert her gebe es keine Unterschiede. Für Rudzik geht es hier um Geschmackssache. „Der Trend geht aber zur ESL-Milch“, sagt er.
Diese Entwicklung kann Dr. Lars Schildwach, Leiter von Vertrieb und Marketing der Molkerei Ammerland, die auf ESL setzt, bestätigen. Der Verbrauch klassischer Frischmilch sei gesunken: „Der Handel reagiert nur auf den Verbraucherwunsch. Die ESL-Milch wurde dem Handel nicht von der Industrie übergestülpt“, betonte er.
Gleicher Vitamingehalt
Seit rund zehn Jahren gibt es die ESL-Milch. Um die Milch länger haltbar zu machen, müsse die Ausgangskeimzahl gesenkt werden, erläutert Schildwach. Erreicht werden könne dies über eine Erhitzung der Milch für wenige Sekunden auf bis zu 127 Grad Celsius. Dieses Produkt habe dann aber einen leichten Kochgeschmack. „Eine solche Milch ist nicht frisch“, konstatiert Hedi Grunewald, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale. Frische ist allerdings offiziell nicht definiert.
Dann gebe es noch das Verfahren der Mikrofiltration, bei dem der Milch vor der Pasteurisation in großen Keramikfiltern Mikroorganismen entzögen würden, erläutert Schildwach: „Vitamine und Nährstoffe sind im Vergleich zur Frischmilch gleich. Und auch im Geschmack gibt es keine Unterschiede.“ Seit Sommer 2008 hat die Molkerei Ammerland ihre Produktion auf Mikrofiltration umgestellt. „ESL-Milch ist auch ökologisch sinnvoll, weil wir beispielsweise Transporte zu unseren Kunden einsparen“, gibt Schildwach zu bedenken.
Verbraucherzentralen kritisieren, dass es an der Verpackung meist nicht ersichtlich ist, mit welchem Verfahren die Milch hergestellt wurde.
Das soll sich ändern: In Gesprächen mit dem Bundesverbraucherministerium haben sich der Milchindustrieverband und der Einzelhandelsverband HDE auf eine verbesserte Kennzeichnung der Konsummilch geeinigt. Auf Basis einer Selbstverpflichtung der Milchindustrie soll die klassische Frischmilch zukünftig mit dem Hinweis „traditionell hergestellt“ und ESL-Milch mit „länger haltbar“ gekennzeichnet werden.
Zudem könnte es auf den Verpackungen auch Hinweise zum Produktionsverfahren von ESL-Milch geben. „Wir würden das begrüßen“, so Schildwach. Ob es so komme, entscheide der Handel.
