OLDENBURG - Das waren schon ein paar unbequeme Wahrheiten, die der Ulmer Universitätsprofessor Franz-Josef Radermacher den rund 1000 Landwirten auf dem 12. Unternehmertag von Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Landvolk Niedersachsen und Weser-Ems-Genossenschaftsbanken bei belegten Brötchen, Kaffee und Milchmixgetränken in Oldenburg schmackhaft zu machen versuchte. Der Fleischkonsum der Menschen in den reichen Ländern werde nach dem wahrscheinlichsten Szenario der „Global Marshall Plan Foundation“, deren Mitglied Radermacher ist, zurückgehen, weil die meisten Menschen in den heute reichen Ländern ärmer werden würden (Brasilianisierung). Um diese Verarmung erträglicher zu machen, würden die Nahrungsmittelpreise niedrig bleiben beziehungsweise sogar sinken.
Scharf ging Radermacher auch mit der Vergeudung von „Biomasse“ ins Gericht. Schon heute könnten hiervon eigentlich 13 Milliarden Menschen, also fast doppelt so viel Menschen wie es auf der Welt derzeit gibt, leben. Dass trotzdem jeden Tag 24 000 Menschen verhungern und 500 Millionen morgens nicht wissen, wie sie am Tag Nahrung bekommen, liege zum einen an der ungleich verteilten Kaufkraft und zum anderen daran, dass zu viel der vorhandenen „Biomasse“ in die Erzeugung von Fleisch und Energie gesteckt werde.
Keiner muss verhungern
Damit griff Radermacher auch die hierzulande übliche Tierproduktion an. Eine Kuh, die sich vom Gras auf der Wiese ernähre, sei als Milch- und Fleischlieferant vollkommen in Ordnung. Eine Kuh, die mit Tierfutter ernährt wird, das mit Kunstdünger produziert wurde, der wiederum mit fossilen Energieträgern erzeugt wurde, sei ein Klimafeind erster Güte – einmal ganz davon abgesehen, „dass ein Rind pro Jahr etwa soviel schädliche Klimagase ausstößt wie ein Mittelklasseauto mit 5000 Kilometer Fahrleistung, es aber etwa doppelt so viele Kühe auf der Welt gibt wie Mittelklassewagen“, so der Uni-Professor.
Radermacher machte aber auch klar, dass die „Global Marshall Plan Foundation“ daran arbeite, dass das Brasilianisierungs-Szenario nicht eintrete. Beim angestrebten Balance-Szenario soll von der weltweit vorhandenen Wertschöpfung bei allen Menschen etwas hängen bleiben. Diese Wertschöpfung müsse daher anders verteilt werden – „dann verhungert auch keiner mehr“.
Ein einfaches Rezept für das eigene Handeln hatte der Professor auf dem Unternehmertag für die versammelten Landwirte nicht dabei. Er warnte sie aber vor ungebremstem Wachstum. Das hierfür notwendige Fremdkapital könne schnell zum Problem werden und wenn die Kredite nicht mehr bedient werden können, zum Verlust des gesamten Eigentums führen.
Uwe Bintz, Unternehmensberater der Landwirtschaftskammer, warnte die Landwirte auf dem Unternehmertag davor, sich arbeitsmäßig zu überfordern. Viele Familienbetriebe arbeiteten bereits an der oberen Belastungsgrenze. Er sei der Meinung, dass auf vielen Höfen noch Produktionsreserven schlummern, die ohne Mehrarbeit gehoben werden könnten.
Optimierung der Produktion
Dem stimmte auf der Veranstaltung auch Dirk Frahne, Schweinemäster aus Goldenstedt (Kreis Vechta), zu. Er setze heute weniger auf Expansion als vielmehr auf eine Optimierung der Produktion. Frahne hält 320 Sauen, hat 1600 Ferkelplätze, 240 Mastplätze und bewirtschaftet 76 Hektar Ackerland. Sein unternehmerisches Ziel sei es, „den Betrieb möglichst schuldenfrei an meine Kinder zu übergeben“, sagte der 42-Jährige. Persönlich wichtig sind dem zweifachen Familienvater ein harmonisches Familienleben, Zeit für Hobbys und besonders „Spaß an der Arbeit“. Das charakterisierte Bintz als „die eigenen Zukunft mit Lebensfreude gestalten“.
