Oldenburg - Viele Landwirte stecken in einem Dilemma: Einerseits müssen sie sich im Wettbewerb behaupten, andererseits ist die gesellschaftliche Erwartungshaltung so hoch wie nie – und häufig, etwa in Fragen der Tierhaltung, auch emotional aufgeladen. Wie Betriebe in diesem Spannungsfeld aus Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz weiterentwickelt werden können, war am Dienstag in Oldenburg Thema beim 18. Unternehmertag von Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen, Landvolk und der Arbeitsgemeinschaft der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Weser-Ems.

„Ein ,Weiter-so-wie-bisher‘ wird es für die Landwirtschaft nicht geben“, sagte Kammerpräsident Gerhard Schwetje vor rund 800 Gästen. Aber auch die nostalgischen Vorstellungen von Landwirtschaft, wie sie in Teilen der Gesellschaft vorschwebten, seien passé. Die Landwirtschaft sei zu Veränderungen bereit. „Am Ende muss der Bauer aber auch davon leben können“, sagte er.

Dass die Landwirte nicht ganz unbeteiligt seien an dem Dilemma, meinte der Ackerbauer und Agrarblogger „Dr. Willi Kremer-Schillings („Bauer Willi“) aus dem Rheinland. „Wir haben unsere Mitbürger nicht mitgenommen, auf dem Weg vom bunten Bauernhof mit vielen Tieren und dem Bauerngarten hinterm Haus zur heutigen Wirtschaftweise, die zunehmend von der Gesellschaft kritisiert wird“, sagte er.

Die Landwirte müssten sich deshalb auf die Mitbürger zubewegen. „Wir müssen selbst aktiv werden“, sagte er. „Imagepflege muss ein eigener Betriebszweig werden.“

Kontakte lassen sich aus seiner Sicht über viele Wege herstellen. „Laden Sie zu einer Hofführung ein – ohne Hüpfburg“, riet er den anwesenden Landwirten. „Erzählen Sie einfach, was Sie machen.“ Sinnvoll sei auch die Einladung an Kindergärten oder der aktive Besuch in Schulen.


Kreative Kommunikation bedeute, dass Landwirte in einen ernsthaften Dialog mit ihren Mitbürgern kommen. „Unsere Grundhaltung muss sich ändern“, betonte er. „Wir müssen uns angewöhnen, positiv zu denken, nicht ständig nur zu jammern.“ Das Ziel sollte sein, beim Gegenüber einen Prozess des Nachdenkens in Gang zu setzen.

Ruth Beverborg, Unternehmensberaterin bei der LWK, riet den Landwirten dazu, in der aktuellen Phase, in der es bei vielen Betrieben wirtschaftlich wieder etwas besser laufe mit dem „Drohnenblick“ auf ihren Betrieb zu schauen und zu analysieren, was man aus der jüngsten Krise lernen und in der Zukunft verbessern kann. Angesichts großer gesellschaftlicher Erwartungen und politischer Vorgaben änderten sich die Rahmenbedingungen ständig, sagte sie etwa mit Verweis auf Anforderungen an das Tierwohl oder die neue Düngeverordnung. „Das führt zu Planungsunsicherheit, erheblich höheren Kosten und einem höheren Arbeits- und Bürokratieaufwand“, sagte sie.

Bei der Frage nach den Strategien erklärte Beverborg, dass kurzfristig die Sicherung der Liquidität Priorität habe. Mittel- und langfristig müsse man sich dann überlegen, ob man eher quantitativ wachsen wolle oder ob auch „weniger mehr sein kann“. Auch eine Diversifizierung könne dazu beitragen, Preiskrisen besser zu überstehen.

Dass weniger auch mehr sein kann, zeigte Dr. Jens van Bebber, Schweinehalter aus Samern (Grafschaft Bentheim). Er stellt seine konventionelle Schweinemast auf eine Offenstallhaltung um. Statt 10 000 Tiere würden künftig nur noch 3000 Mastschweine gehalten werden. Trotz des verringerten Bestandes konnte das Betriebsergebnis verbessert werden. Weitere Vorteile: ein positiver Umwelteffekt sowie ein Zugewinn an persönlicher Zufriedenheit und öffentlicher Zustimmung.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft