Oldenburg - Wer heutzutage seinen landwirtschaftlichen Betrieb auf die Zukunft ausrichten möchte, steht vor großen Herausforderungen – Beispiele sind der Klimawandel und die Tierhaltung. „In beiden Fällen müssen sich viele Betriebe neu ausrichten“, sagte Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, am Donnerstag vor rund 800 Besuchern beim 19. landwirtschaftlichen Unternehmertag in Oldenburg.

Im Ackerbau könnten das neue Fruchtfolgen, andere Sorten oder bisher weniger angebaute Kulturen sein. In der Tierhaltung allerdings laufe es nur auf neue Haltungssysteme hinaus, die die gesellschaftlichen Erwartungen und die Erfordernisse der landwirtschaftlichen Praxis vereinten, erklärte er.

Rainer Beckedorf, Staatssekretär im Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, sagte, dass „Qualitätsführerschaft für niedersächsische Betriebe wichtiger als Kostenführerschaft ist“. Unsere Gesellschaft fordere mehr Umwelt-, mehr Klima- und mehr Tierschutz von der Landwirtschaft. Das wohl drängendste Thema sei das Nährstoffmanagement.

Zu mehr Akzeptanz der Landwirtschaft in der Bevölkerung könne auch die Digitalisierung ihren Beitrag leisten, erklärte Dr. Hermann Onko Aeikens, Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium. Ein Beispiel aus der Milchproduktion: Der Einsatz von Melkrobotern hätte laut Aeikens auch den Vorteil, dass die Kuh entscheide, wann sie gemolken werden möchte, da sie sich selbstständig in die Melkbox begibt. Das stehe im Einklang mit mehr Tierwohl.

Die Digitalisierung habe aber noch weitere Vorteile, erklärte Dr. Klemens Skibicki, Marketing-Professor aus Köln. „Maschinen werden uns die Arbeit erleichtern, sodass sich Landwirte auf das Wesentliche konzentrieren können, nämlich den Kontakt zum Kunden. Dazu müssen wir aber erstmal verstehen, worum es bei der Digitalisierung überhaupt geht. Es macht keinen Sinn, eine App haben zu wollen, nur weil ein Konkurrent sie hat, man aber gar nichts damit anzufangen weiß“, erklärte er.


Maschinen seien dazu da, die Arbeit zu erleichtern. In einem Punkt könnten sie den Menschen aber nicht ersetzen: Bei der Empathie. Hierzulande sieht Skibicki noch Nachholbedarf. „Wir haben eine große Innovationsfähigkeit, setzen sie aber noch nicht um.“ Er fordert: „Statt diejenigen zu regulieren, die mit ihrer Innovation erfolgreich sind, sollten wir von ihnen lernen“, sagte Skibicki.

Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) bezeichnete er als großen Fehler, sie sei „ein Standortnachteil, denn Daten sind nichts Verwerfliches, sie sind für die Digitalisierung essenziell“. Auf sozialen Kanälen könnte die Gesellschaft außerdem erfahren, was auf Höfen wirklich passiert. „Verbraucher haben häufig leider typische Bilder im Kopf, die mit der Realität nichts zu tun haben“, sagte Schwetje.

Uwe Bintz, Unternehmensberater der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, erklärte, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien. „Der aus der Vergangenheit dominierende Slogan ,Wachsen oder Weichen‘ wandelt sich eher zu dem Motto ,Ist weniger mehr?‘.“ Die Wachstumsstrategien für den Einzelbetrieb hätten sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Wachstum finde kaum noch auf dem eigenen Hofgelände statt, sondern vielmehr über Pacht oder Zukauf fremder Produktionsstätten, erklärte er. Hierbei gelte, dass Geflügelställe sowohl im Kauf- als auch im Pachtpreis deutlich höher gehandelt werden als Schweine- und Rindviehställe.

Sabrina Wendt
Sabrina Wendt Thementeam Wirtschaft