OLDENBURG - Als Kerstin Goroncy (38) zum ersten Mal in Oldenburg aus dem Zug stieg und die vielen Räder auf dem Bahnhofsplatz sah, da dachte sie: „Klein-China“. Die seit September amtierende Fahrrad- und Fußgängerbeauftragte fragte sich, wo Oldenburg eigentlich Probleme mit dem Radverkehr habe, „wenn so viele mit dem Rad unterwegs sind.“ Inzwischen kann sie beruflich aufatmen: Es gibt in Sachen Radverkehr trotz oder gerade wegen der vielen Oldenburger Radler doch einiges zu tun.
Denn sicher sei eines, wie Norbert Klostermann, Fachdienstleiter Verkehrsplanung, erläutert: „Wir müssen dafür sorgen, dass Radfahren attraktiv bleibt. Wenn nur jeder dritte Radfahrer aufs Auto umsteigen würde, hätten wir das Verkehrschaos.“
Dabei steht die Stadt in guten Schuhen. Als man vor sieben Jahren bei der Aufstellung des Verkehrsentwicklungsplanes Radler befragte, waren 80 Prozent wunschlos zufrieden: „Das hat uns überrascht“, sagt Klostermann. Zudem: „Andere Städte investieren Unsummen, um so viel Radverkehr zu erzeugen, wie wir schon lange haben.“
Nun sei es aber dennoch an der Zeit, den Verkehrsentwicklungsplan fortzuschreiben. Da setzt die Arbeit Goroncys an. Die neue Initiative Radverkehr bringt alle an einen Tisch, die sich mit Verkehrsplanung und -sicherheit befassen. Dazu gehören etwa Verwaltung und Fraktionen, ADFC und Polizei. „Ein Ziel ist es, den Radverkehr besser in den Gesamtverkehr zu integrieren“, sagt Goroncy. Klostermann sieht da manchen Konflikt: „Das Radwegenetz stammt zum Großteil aus den 60ern. Wenn wir heute an Problemstellen mehr für Radler tun wollen, müssen wir anderen etwas wegnehmen.“ Beispiel Theaterwall: Auf dem schmalen Rad- und Fußweg ist es mächtig eng. Wolle man mehr Platz für Radler, muss die Fahrbahn verengt werden – mit allen Konsequenzen für den Autoverkehr. Radlern grundsätzlich das Fahren auf der Straße zu erlauben, sei kritisch, sagt Klostermann: „Mancher agile Radfahrer hat damit kein Problem, für Kinder und Senioren ist das schon
schwieriger.“ Dabei wolle man insbesondere das lebenslange Radfahren fördern – also die Radwege für Senioren sicherer machen.
Eine weitere Idee, die man verfolge, sei die stärkere Nutzung des Rades als Lastesel. Goroncy: „Man könnte einen Rad-Lieferservice aus der Innenstadt aufbauen, damit man nicht so oft das Auto nutzt.“ Auch über Schließfächer, in denen man Einkäufe bis zur Radfahrt nach Hause zwischenlagern kann, wird nachgedacht. „Es gibt viele Ideen“, sagt Goroncy, „und es werden sicher noch viele neue entstehen.“
Die Initiative und ihre Ziele
Kerstin Goroncy
hat an der TU Dresden Verkehrsingenieurwesen studiert und war u.a. mehrere Jahre in einem Planungsbüro tätig. Zuletzt war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Stadttechnik der Uni Cottbus. Seit 1. September ist sie beim Fachdienst Verkehrsplanung angestellt. Sie ist Nachfolgerin von Stephanie Dietz, die vor eineinhalb Jahren zur Stadt Hannover wechselte.Ein Schwerpunkt
ihrer Arbeit wird die Frage sein, wie der CO2-Ausstoß in Oldenburg gesenkt werden kann – vielleicht durch mehr Radler, aber auch durch bessere Bedingungen für Fußgänger und Busse.Aufgenommen
werden soll die Debatte um die Frage Abstellplätze für Fahrräder – allerdings ohne Zwang. Dafür gebe es keine rechtliche Handhabe. Man müsse vermitteln, sagt Fachdienstleiter Norbert Klostermann. Ein Beispiel seien die Räder in der Heiligengeiststraße, die die Kaufleute nicht begeistern. Für Radler bietet die Straße eine beliebte Parkmöglichkeit.Die Initiative
ist zurzeit unter der E-Mail-Adresse kerstin.goroncy@stadt-oldenburg.de erreichbar.
