Oldenburg - Die Kommunen im Nordwesten als maßgebliche Anteilseigner der EWE können sich auch in diesem Frühjahr auf die jährliche Millionen-Überweisung freuen: Die Hauptversammlung am 3. Mai soll für das Geschäftsjahr 2017 wie im Vorjahr eine Ausschüttung von 88 Millionen Euro beschließen, wie anlässlich der Bilanzvorlage am Donnerstag in Oldenburg bekannt wurde. Die entsprechenden Anteile sind bei dem Kämmerern meist der Region schon seit Jahren als wichtige feste Einnahmeposten verplant.
Ungewöhnlich ist in diesem Jahr: Die EWE AG muss nach einem auch von Sondereffekten geprägten Jahr in die Rücklagen greifen, wie der Vorstand um den neuen Vorsitzenden Stefan Dohler erläuterte. Dies soll aber nach dem nun laufendenden Geschäftsjahr nicht mehr nötig sein.
Viel Geld fließt nicht nur als Dividende in die Region (und an den strategischen Mitaktionär EnBW). Die EWE fuhr 2017 auch die Investitionen um zwölf Prozent auf 525,9 Millionen Euro hoch.
Es hätte noch ein zweistelliger Betrag mehr sein können, hieß es. Doch Mittel etwa für Glasfaser-Verkabelung für schnelles Internet seien „in der Realität manchmal schwer abzurufen“, sagte Dohler. Dazu trügen regulatorische Faktoren bei. Es sei zurzeit aber auch ein Problem, am Markt „Tiefbaukapazitäten“ und Dienstleister für die Projekte zu akquirieren.
Klar wurde: Für die EWE wird 2018 zum Jahr einer Neuausrichtung der Strategie, die bisher „2026“ hieß. „Wir haben gerade die Überprüfung angeschoben“, sagte der neue Vorstandsvorsitzende Stefan Dohler am Donnerstag bei der Bilanzvorlage in Oldenburg. Im Sommer werde klar sein, wo der Versorger sich neu positionieren wolle. Auf dieser Basis werde dann ein passender neuer strategischer Investor gesucht, der eine Ergänzung zur gewählten Strategie sein sollte. Allerdings dürften relevante Entscheidungen zu dem Thema wohl erst im Laufe von 2019 getroffen werden, schätzte Dohler.
Strategischer Investor ist zurzeit noch der Energieriese EnBW. Doch bei dem in der Ära des früheren EWE-Chefs Werner Brinker geschlossenen Pakt hatten sich nie die erhofften gemeinsamen Projekte ergeben. Der Anteil wurde von einst knapp über 25 Prozent bereits reduziert.
Das Ergebnis 2017 sei „gut gelaufen“, lobte der neue EWE-Vorstandsvorsitzende, der im Januar angetreten war, die Arbeit unter einer stark geschrumpften Führungs-Crew im Jahr 2017. Nach diversen Personalien waren im Vorstand für gut ein Jahr nur noch Michael Heidkamp (Märkte) und Wolfgang Mücher (Finanzen) übrig geblieben. „Dank an die beiden Kollegen, die allein auf der Brücke standen“, sagte Dohler.
Der Neue, zuvor Finanzchef bei Vattenfall, zog eine positive Bilanz unter 2017. Die für EWE heiklen Themen seien „in guter Aufarbeitung“. Im Geschäft sei unterm Strich ein „gutes Ergebnis“ herausgekommen. Allerdings blieb wegen starker Sondereffekte unterm Strich weniger Geld in der Kasse (siehe Infobox).
Dohler hob unter anderem die Stabilität des Netzbereiches, das gute Wind-Jahr (vor allem für den Nordsee-Windpark Riffgat) und die durch Vertriebs-Investitionen verstärkte Kunden-Akquisition hervor. Auch die Bremer Tochter SWB habe (trotz starker Buchwert-Berichtigungen) ein operativ gutes Ergebnis geschafft. Bei den Gasspeichern habe der Gewinn unter Druck gestanden. Das Auslandsgeschäft sei eine „Herausforderung“.
Damit sprach Dohler das Türkei-Geschäft an, das auch unter den Anteilseignern umstritten ist. Dort trifft unter anderem die deutlich schwächere türkische Währung die EWE-Bilanz (Wertberichtigungen, Verluste bei Umrechnung in Euro). Auch das Türkeigeschäft, das rund 20 Millionen Euro Betriebsgewinn einbrachte, steht im Rahmen der Strategie-Beratungen auf dem Prüfstand.
Erfreulich für EWE: Nach schwächeren Jahren mit Kundenverlusten im Stromgeschäft wurde die Wende erreicht, wie Finanzvorstand Wolfgang Mücher erläuterte. Man habe 2017 mehr Kunden und mehr Umsatz erreicht. Bei der Zahl der Gaskunden gab es noch einen minimalen Rückgang. „Das operative Geschäft hat sich sehr, sehr schön entwickelt“, sagte Mücher. Der operative Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern (Oebit) sei zwar mit 503,4 Millionen Euro um knapp sechs Prozent niedriger als im von einem besonderen Einmaleffekt geprägten 2016, aber „deutlich höher als prognostiziert“. 2018 werde schwächer sein, mit vielleicht 100 Millionen Euro weniger. Ein Hauptgrund liege in der Regulatorik im Bereich Netzentgelte. Hinzu kämen Änderungen bei der Altersvorsorge.
NWZ-Kommentar zur EWE-Bilanz : Guter Start
Vorstands-Chef Dohler betonte die hohe Investitionsbereitschaft der EWE. Allein für Glasfaser (schnelles Internet) nehme man 1,2 Milliarden Euro in die Hand. „EWE wird auch in den kommenden Jahren konsequent in eine nachhaltige Energieversorgung sowie den großflächigen Glasfaserausbau investieren – und damit die Zukunftsfähigkeit der Region stärken“, sagte er.
Der EWE-Chef nannte als weitere schon jetzt identifizierte Themen unter anderem die Umstellung von L-Gas auf H-Gas, die Einführung intelligenter Strommesser („Smart Meter“) sowie die enge Netz-Kooperation mit Kommunen, das große Energiewende-Projekt Enera sowie Stromspeicher- und Umwandlungsprojekte bis hin zu Wasserstoff und synthetischem Gas.
Der Offshore-Wind macht EWE immer mehr Spaß: Im Sommer sei Baubeginn beim Trianel-Offshorepark Borkum II, an dem EWE beteiligt sei, kündigte Dohler an. Generell sollten bei der Ökostromnutzung weitere Bereiche wie Wärme, Mobilität und Industriebetrieb in den Blick genommen werden.
Von der Stromwende aus müsse es zu einer richtigen Energie- und Klimawende kommen.
Unterdessen stehen weiterhin sechs von zwölf Anlagen im Offshore-Windpark Alpha Ventus von EWE still. Eine Gondel war von einer Anlage ins Meer heruntergefallen. „Wir arbeiten intensiv an der Ursachenforschung“, sagte Dohler.
