OLDENBURG - Kurz nach 6 Uhr ist die Nacht hinter Gittern zu Ende – zumindest für die 24 Gefangenen auf der sogenannten Transportstation. Als schreibender Praktikant im Gefängnis an der Cloppenburger Straße darf ich zusammen mit dem Vollzugsbediensteten Tom Schipper die Zellentüren aufschließen und die Insassen wecken. Das „Guten Morgen“ bleibt mir Halse stecken, als sich die Tür öffnet. Ein unangenehmer Geruch von kaltem Zigarettenrauch schlägt uns entgegen. Im Gegensatz zu allen anderen Räumen darf in den Zellen gequalmt werden. Und das tun offenbar fast alle.
Obwohl sie es hier nicht nur mit Betrügern, Drogendealern und Einbrechern, sondern auch mit Gewaltverbrechern zu tun haben, ist keiner der Bediensteten bewaffnet. Schlagstock und Pfefferspray bleiben im Spind. Jeder trägt aber am Gürtel eine PSA. Mit dieser Personensicherungsanlage in Form eines Walkie-Talkies lässt sich per Knopfdruck Alarm auslösen. Auch mir muss die PSA als Sicherheit genügen.
„Keine Sorge, Angriffe auf Bedienstete sind selten“, versucht mich mein Kollege Tom Schipper zu beruhigen. Seit viereinhalb Jahren arbeitet der 34-jährige Obersekretär mit BWL-Studium in der Justizvollzugsanstalt. Eine brenzlige Situation will er in der Zeit noch nicht erlebt haben. „Wenn man den Leuten freundlich begegnet, dann reagieren sie auch freundlich“, sagt er.
Inzwischen ist Betrieb auf dem Flur. Es gibt Frühstück. Jeder bekommt zwei Scheiben Toast, eine Scheibe Käse, etwas Marmelade und einen Becher Tee. Gegessen wird auf der Zelle. Viel Zeit bleibt dafür aber nicht.
Von den 24 Gefangenen auf der Station werden an diesem Donnerstag 14 in andere Gefängnisse verlegt. Und für den im Hof wartenden Bus gilt ein strenger Fahrplan. Nachdem die Gefangenen ihre Betten abgezogen und ihr Geschirr abgegeben haben, geht es los.
Der Weg führt zunächst in einen kleinen Raum mit Sicherheitsschleuse. Dort kontrollieren wir einen nach dem anderen. Während Tom Schipper die Männer abtastet, durchsuche ich deren abgelegte Jacken und die einzelnen Tabakpäckchen. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich dabei: Hoffentlich übersehe ich nichts. Wieder kann Schipper mich beruhigen. Jeder werde mehrfach kontrolliert.
Nachdem der 350 000 Euro teure Spezialbus, in dem die Gefangenen in Einzel- und Sammelkabinen eingeschlossen sind, abgefahren ist, eile ich mit Tom Schipper zur Aufnahmestation. Die dort auf Frühstück und die Ersatzdroge Methadon wartenden 21 Männer sind Neuzugänge. Etwa eine Woche verbringen diese Untersuchungsgefangenen hier, ehe sie auf eine andere Station umziehen, wo sie auch arbeiten und sich etwa 100 Euro im Monat verdienen können.
Nach dem Frühstück dürfen sie für eine Stunde zum Freigang auf den Hof. Dort übernehmen zwei andere Bedienste die Überwachung. Überdies sind mehrere der insgesamt 220 JVA-Kameras auf den Hof gerichtet. Von der mit zahllosen Monitoren bestückten Sicherheitszentrale aus steuern zwei weitere Beamte die Kameras.
Schipper und ich nutzen die Zeit, um die Zellen zu inspizieren. Wir schauen in Schränke, unter Matratzen und hinter Lampenabdeckungen nach versteckten Drogen oder Waffen – ohne Erfolg. Es kostet mich Überwindung, zwischen den persönlichen Dingen der Gefangenen zu suchen. Schließlich durchleuchte ich hier die Intimsphäre wildfremder Menschen.
Auffällig ist die Sauberkeit der Räume. „Darauf legen wir großen Wert“, betont JVA-Chef Gerd Koop. Wer etwas beschmutzt oder beschädigt, muss es wieder in Ordnung bringen oder die Reparatur bezahlen.
Unterdessen hat Tom Schipper mit seiner Verwaltungsarbeit begonnen. Er füllt Unterlagen für die Verlegung von Gefangenen aus und kontrolliert Anträge (u.a. Telefonerlaubnis und Waschmaschinenbenutzung). Ständig wird er unterbrochen, weil Gefangene etwas von ihm wollen: Wann kommt mein Anwalt? Wo bekomme ich Briefpapier? Viele sprechen gebrochenes Deutsch.
Plötzlich kommt Unruhe auf. Die PSA piept. „Los, Alarm auf Station 3“, ruft mein Kollege und rennt los – ich hinterher. Wir hetzen die Treppen zum dritten Stock hoch. Von überall her kommen weitere Bedienstete. Oben wird zum Glück Entwarnung geben: Nur Probealarm. Gerd Koop meint zufrieden: „Hier kann sich jeder auf jeden verlassen.“
Dann ist meine Schicht zu Ende: Ich passiere fünf verschlossene Türen und stehe wieder draußen vor der 6,50 Meter hohen Gefängnismauer. Die Eindrücke schwirren mir noch durch den Kopf: Das beklemmende Gefühl des gesamten Tages will vorerst noch nicht weichen.
