Oldenburg - Alte Schmiede am Lappan. Das klingt. Schon um 1900 hat der Hofschmied Karl Hallerstede hier seine Arbeit verrichtet. Hinter dem Verkaufsraum mit all seinen Skulpturen und den geschmiedeten Ringen aus Eisen, Messing, Kupfer, Silber und Gold und Edelsteinen öffnet sich eine geheimnisvolle Welt, eine Mischung aus Höhle und Heiligtum, dunkel, voll unzähliger Hämmer und prasselnden Feuers, mittendrin eine junggebliebene, zierliche Frau, früher eine erfolgreiche Turnerin, mit einer überraschend kernigen, rauchigen Stimme: Edda Sandstede. 1980 hat sie sich hier selbstständig gemacht, im Februar/März hängt sie nun den Hammer endgültig an den Nagel, den sie seit 1959 unaufhörlich niedersausen lässt, um kunstvolle Dinge entstehen zu lassen.
Eine Frau als Schmiedin? Mehr als das. Sie war die Erste in Deutschland – und die Beste! Mit 19 Jahren trat Edda Sandstede im Berufswettbewerb der Handwerkerjugend an – und wurde Kammersiegerin, Landessiegerin und Bundessiegerin. Die junge Frau aus Bad Zwischenahn war allerdings auch durch eine harte Schule gegangen.
„Ich hatte überall versucht, eine Lehre zu machen, aber immer hieß es nur: ,Eine Frau kann das nicht, das ist viel zu anstrengend’. Da es nur wenige Kunstschmiede gab „und mich keiner haben wollte“, hat Edda Sandstede ihre Lehre zuhause gemacht, bei ihrem Vater, dem Kunstschmiedemeister und Metallgestalter Gerd Sandstede, von 1959 bis 1962. Das machte die Sache allerdings nicht leichter: „Mein Vater wollte sich mit mir vor seinen Leuten ja auch nicht blamieren.“
Schmiede und Teestube
Die Schmiede war damals mitten in Bad Zwischenahn, direkt verbunden mit der familieneigenen Gaststätte „Die Schmiede“, mit Teestube und Café. Stühle, Bilder, Tische, Aquarium, Kamin – „alles war Marke Eigenbau und auch zu erwerben“, sagt Edda Sandstede. Im Lokal konnten die Gäste ihren Schnittjebraten direkt selber grillen, auf einer der Esse nebenan nachempfundenen Feuerstelle. „Dafür kamen die Gäste von weither“, erinnert sich die Kunstschmiedin. An den Wänden hingen ihre ersten kleinen Kunstwerke: „Ich musste erstmal all die Kraniche machen, die damals in Mode waren, und mein Vater hat die schönen, großen Sachen gemacht.“ Aber diese intensive Zeit hat sich ausgezahlt: „Ich habe dadurch eine Superlehre bekommen.“ Einer ihrer Brüder arbeitet bis heute als Schmied in Bad Zwischenahn.
Den Unterschied zu vielen Männern in diesem Beruf würde sie aber nie bestreiten: „Es ist eine Kräftegeschichte. Wenn ein Mann den Drei-Kilo-Hammer schwingt und ich den Ein-Kilo-Hammer nehme – durch das Gewicht geht es einfach viel schneller. Wenn ich eine halbe Stunde den Drei-Kilo-Hammer schwinge, bin ich fertig.“ Edda Sandstede hat in ihrer Zeit inzwischen selbst mehr als 30 Lehrlinge ausgebildet. Auch das waren alles Männer. Sie sagt: „Diese Kraft, da gucke ich und bewunder’ das. Aber es waren auch schmale Lehrlinge dabei, und die haben es auch geschafft. Man muss aber immer bedenken, dass man acht Stunden schmieden muss.“ Ihr Vater hat damals zu ihr gesagt, als klar war, dass sie sich selbstständig machen würde: „Du musst alles können, du musst denen das vorschmieden können, die müssen sehen, du kannst das, du musst aber nicht selbst acht Stunden schmieden.“
Vorliebe für Skulpturen
Sie selbst hat sich damals vorgenommen: „Wenn meine Kräfte nachlassen, gehe ich in den Schmuckbereich.“ Bei Ausstellungen ist es zwar nötig „zu klotzen, um gesehen zu werden“. Und sie hat die großen Skulpturen immer gerne gemacht. „Skulpturen waren mein Ding, es kann sogar sein, dass ich die an anderer Stelle weiter mache“, lacht sie.
Denn bis heute geht die 76-Jährige, die Mutter und Oma ist, jeden Tag mit Lust zur Arbeit: „Es ist ein Privileg, dass ich immer frei arbeiten konnte, ich konnte machen, was ich wollte. Wenn man am Schmiedefeuer steht und hat Ideen genug, das ist doll. Man kann ja nicht einfach nur Eisen ins Feuer packen und sagen: Mich küsst die Muse schon. Wenn ich ein Flacheisen ins Feuer halte, das nach nichts aussieht, brauche ich erstmal eine Skizze, ein Modell. Ich bin Handwerker. Aber du kannst dabei auch deinen Frust abkloppen – den Lufthammer an, so ein dickes Eisen genommen und gesagt: Du wirst jetzt zur Spitze! Danach geht’s mir wieder gut.“
Es ist schwer aufzuhören
Diese Freude an der Arbeit ist nicht weniger geworden: „Es ist das Am-Feuer-Stehen, das harte Eisen zu packen, es zu bearbeiten, am besten allein, da bin ich glücklich.“
Normalerweise würde sie auch nicht aufhören – „viele Kunden glauben nicht, dass das ernst gemeint sein soll, weil ich das schon vor zehn Jahren mal unvorsichtigerweise gesagt habe – am liebsten würde ich auch wirklich bis zum Schluss einfach immer weitermachen, weil es so herrlich ist, und dann kann man mich hier ’raustragen. Aber ich will das ja ordentlich hinterlassen, und dafür braucht man auch Kraft.“
Die alte Schmiede, die unter Denkmalschutz steht, soll danach erneut genutzt werden, von einem Metallgestalter, der dort einziehen will, aber mit seinem eigenen Material und Werkzeug, so dass sich der unverwechselbare Charakter dieses handwerklichen Kleinods ohne Edda Sandstede in der Mitte schon verändern wird. Immerhin: Ihren Goldschmiedetisch wird sie mitnehmen. Apart ist sie ja immer gekleidet, aber auch fröhlichere Farben wird man dann wieder an ihr sehen: „Wenn ich heute fünf Minuten in der Werkstatt am Feuer bin, dann bin ich pottendreckig. Da geht eben nur schwarz und grau.“
Wer noch mehr über Edda Sandstede und ihre Arbeit erfahren möchte, kann sich für 12,90 Euro auch den Dokumentarfilm „Die Schmiedemeisterin“ (88 Minuten) kaufen, den die Filmemacher Jessica Holzhausen und Sandor Papp in zweijähriger Arbeit gedreht haben.
