OLDENBURG/WILDESHAUSEN - Keimzelle war in Wildeshausen. Man will zur politischen Kraft werden und gemeinsam sparen.

Von Rüdiger zu Klampen

OLDENBURG/WILDESHAUSEN - Die Nachrichten aus dem Gesundheitswesen stimmen auch Dr. Rainer Woltmann meist negativ. Aber der Nervenarzt aus Wildeshausen kann ihnen auch Gutes abgewinnen: Je mieser die Stimmung der Kollegen, desto intensiver denken sie über alternative Möglichkeiten zur Situationsverbesserung nach. Das mobilisiere die Mediziner, die sonst eher zu Individualismus neigten. Und so kann sich die Ärztegenossenschaft Nordwest eG (ÄGNW), deren Vorstandsvorsitzender Woltmann ist, über Zulauf zurzeit nicht beklagen. „Die Politik spielt uns Karten zu. Wir werden immer größer.“

Die Organisation, die politisch Einfluss nehmen will und zugleich ihren (finanziell teilweise arg bedrängten) Mitgliedern betriebswirtschaftliche Vorteile verschafft, deckt ganz Niedersachsen und Bremen ab. Rund 700 Ärzte sind bereits Mitglied – und es gibt fast täglich neue Beitritte, berichtet Geschäftsführer Dr. Andreas Rühle. Bis Jahresende sollen 1000 Mitglieder in der Kartei stehen. Die landesweite Geschäftsstelle wurde jetzt an der Ofener Straße in Oldenburg angesiedelt.

Hintergrund der Genossenschaftsgründung sei, dass viele Ärzte und Psychotherapeuten „neue Wege suchen, wie sie die Freiheit ihres ärztlichen Handelns, die seriöse Versorgung ihrer Patienten und das wirtschaftliche Überleben ihrer Praxen sichern können“, erläuterte der Vorstand. Die Ärztegenossenschaften (mit bundesweit bereits 10 000 Mitgliedern) verstünden sich als „Parallelorganisation“ zur Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Im Gegensatz zur KV sei man „unabhängig“ und könne als politische Interessenvertretung „wirklich nachhaltig agieren“. Man kämpfe fachübergreifend und ohne Zwangsklammer für die „Freiheit des ärztlichen Handelns“.

Keimzellen der ÄGNW entstanden einst aus lokalem „Protestpotenzial“ in Wildeshausen, Lüneburg und Osnabrück, erläutert Woltmann. Kollegen seien unzufrieden und wütend gewesen über „immer mehr Drangsalierung durch Bürokratie, immer weniger therapeutisch gelenkte Medizin und zu wenig Sachverstand bei Entscheidungsträgern“.


Die lokalen Initiativen taten sich 2002 zusammen, „um den zerstörerischen Trends entgegenzutreten“. Die erste Geschäftsstelle wurde in Wildeshausen eingerichtet. „Dann wurden wir zügig größer", sagt Woltmann.

Und warum eine Genossenschaft? Diese Organisationsform werde ideal von ihren Mitgliedern gesteuert, erläutern Woltmann und Rühle. Politiker, Pharmaindustrie usw. hätten „keinen Zugriff“.

Die Ärztegenossenschaften wollen bundesweit zur politischen Kraft werden, aber auch wirtschaftliche Kraft nutzen. Die ÄGNW-Mitglieder können Größenvorteile des gemeinsamen Einkaufes nutzen, vom Praxisbedarf bis zur EDV. Das könne bei einer Praxis-Neueinrichtung beim Preis mehr als 30 Prozent ausmachen. Auch die Mitarbeiter in den Praxen können über den Verbund einkaufen. Die Mitglieder würden so als Arbeitgeber attraktiver, meint Rühle. Letztlich verstehe sich die Genossenschaft als Rund-um-Dienstleister. Das gehe über Einrichtungsplanung und Reparaturservice bis zur Beratung zu Organisation, Recht, Steuern und gemeinsamer Apparate-Nutzung.

Die Kooperation mit der Q-Pharm-AG, einem Unternehmen der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein, ermögliche zudem den Bezug von preisgünstigeren generischen Arzneimitteln, die im Markt im unteren Preisdrittel lägen, so Rühle. Damit könne „der einzelne Arzt ein Stück Therapiefreiheit zurückgewinnen“.