Oldenburg/Wilhelmshaven/Kleinensiel - Im Nordwesten laufen die Planungen für das nächste milliardenschwere Energiewende-Projekt. Für die Anbindung von zukünftigen Offshore-Windparks in der Nordsee plant der Übertragungsnetzbetreiber Tennet drei neue Trassenkorridore für Erdkabel durch Ostfriesland und das Oldenburger Land. Die Landtrassen mit einer Übertragungskapazität von zwei Gigawatt (2000 Megawatt) sollen von der Küste zu Netzverknüpfungspunkten in Wilhelmshaven sowie beim stillgelegten Kernkraftwerk Unterweser (KKU) in Kleinensiel (Wesermarsch) führen, wo sie ans Höchstspannungsnetz angeschlossen werden. Bei der zuständigen Behörde, dem Amt für regionale Landesentwicklung (ArL) Weser-Ems in Oldenburg, fanden in dieser Woche erste Gespräche für die Planung des Raumordnungsverfahrens statt. Fragen und Antworten:
Warum ist die Verlegung der Erdkabel erforderlich?
Im Zuge der Energiewende soll der Aufbau von Windkraft auf See in den kommenden Jahrzehnten in Deutschland massiv vorangetrieben werden. Bis 2030 ist eine Leistung von 20 Gigawatt Offshore-Windenergie vorgesehen, bis 2040 sind sogar 40 Gigawatt geplant. „Deshalb braucht es nicht nur neue Offshore-Windparks, sondern auch neue Leitungen, die sie mit dem Übertragungsnetz verbinden“, heißt es beim zuständigen Übertragungsnetzbetreiber Tennet.
Was ist genau geplant?
Insgesamt sind drei Erdkabelsysteme geplant. Ein Strang („BalWin3“) soll von Hilgenriedersiel (Landkreis Aurich) nach Wilhelmshaven geführt werden. Am Umspannwerk „Wilhelmshaven 2“ soll das System ans Höchstspannungsnetz angebunden werden. Problem: Es gibt noch keinen Standort für dieses Umspannwerk. Bislang angedachte Standorte stießen auf Widerstand bei Anwohnern und Umweltschützern.
Zwei weitere Erdkabelsysteme (BalWin1 und BalWin2) sollen in einem Korridor von der Küste zum Umspannwerk beim abgeschalteten KKU führen. „Statt Atomstrom wird dort dann also künftig Offshore-Windstrom eingespeist“, sagt Bernhard Heidrich, Dezernent beim zuständigen Amt für regionale Landesentwicklung (ArL) Weser-Ems. Bevor der Gleichstrom das Umspannwerk erreicht, muss er aber zunächst in Drehstrom umgewandelt werden. Dafür soll eine Konverterstation gebaut werden. Als Favorit gilt dabei laut Heidrich ein Standort wenige Hundert Meter südlich des KKU.
Noch offen ist, wo an der Küste diese beiden Erdkabelsysteme beginnen. Aktuell wird bei der Anbindung der See-Windparks geprüft, ob diese Leitungen über Baltrum oder Langeoog führen sollen. Und je nachdem, für welche Variante sich die Planer aussprechen, wird das Landkabel in Dornumergrode (Kreis Aurich) oder Neuharlingersiel (Kreis Wittmund) beginnen.
Wie sieht der zeitliche Rahmen aus?
In dieser Woche fanden in Oldenburg Vorgespräche für das Raumordnungsverfahren statt. Das eigentliche Verfahren soll Mitte 2022 beginnen. Dann kann sich auch jeder Bürger zu den Planungen zu Wort melden. Ziel ist, dass BalWin1 2029 und BalWin2 und 3 2030 fertiggestellt sein sollen.
Gibt es schon detaillierte Pläne zum Trassenverlauf?
Nein. Allerdings wurde in Oldenburg über die Ergebnisse eines von Tennet beauftragten Gutachtens diskutiert, das unter Berücksichtigung etwa von Siedlungsflächen und Umweltaspekten (Verwaltungsdeutsch: Raumwiderstandsanalyse) für die drei Trassen 22 mögliche Teilkorridorsegmente in den Kreisen Aurich, Wittmund, Friesland, Wesermarsch und Ammerland sowie der Stadt Wilhelmshaven aufzeigte. Vereinfacht: Für den Strang nach Wilhelmshaven gibt es einen Korridor, bei dem es an zwei Stellen je eine Nord- und Südalternative gibt. Und für die beiden Stränge zum KKU gibt es fünf mögliche Alternativen, wobei die Gutachter die westlichste Variante favorisieren.
Wie sieht die Leitung aus?
Tennet will für BalWin 1 bis 3 erstmals Gleichstromkabel mit 525 Kilovolt (kV) und einer Übertragungsleistung von zwei Gigawatt (2000 Megawatt/MW) einsetzen. Bislang wurden 320-kV-Kabel mit einer Leistung von bis zu 900 MW verwendet. Zur Einordnung: Zwei Gigawatt entsprechen etwa zwei mittelgroßen Kraftwerksblöcken.
Wie hoch ist das Investitionsvolumen?
Das lässt sich noch nicht genau sagen. Für 900-MW-Projekte wurden bislang je nach Leitungslänge aber üblicherweise höhere dreistellige Millionensummen bis hin zu einer Milliarde Euro veranschlagt. Deshalb dürften sich auch diese drei Projekte im Milliardenbereich bewegen. Finanziert werden sie indirekt durch jeden einzelnen Stromkunden – nämlich über das Netzentgelt, das Bestandteil jeder Stromrechnung ist.
