OLDENBURG - Ruth Hoting erinnert sich noch genau: Der kleine, schwarze Volksempfänger stand an der Wand. Gemeinsam mit ihren Eltern hörte sie als Sechsjährige die Nachricht am 1. September 1939: „Polen hat heute Nacht zum erstenmal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen“, verkündete Adolf Hitler. „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“

Ruth Hoting hört es noch wie heute, dass ihr Vater sagte. „Das bedeutet Krieg.“ Die Begründerin der Oldenburger Zeitzeugenbörse lebte damals in Bremerhaven. „Wir Kinder fanden das eher spannend“, erzählt sie und erinnert sich an Männer, die eingezogen und am Bahnhof verabschiedet wurden. „Sonst veränderte sich bei uns ja nichts. Polen war ja weit weg.“ Und doch sei es dann plötzlich ganz nah gewesen, als ein Nachbar aus der Straße als einer der ersten Soldaten des Polenfeldzuges überhaupt gefallen sei. „Fast war man ein bisschen neidisch“, erzählt sie in der Rückschau. „Wir Kinder haben ja Hitler glühend verehrt und geliebt.“ Es sei ja das Größte überhaupt gewesen, den Heldentod für ihn zu sterben. „Das können heute viele nicht mehr verstehen, aber ich war neidisch darauf.“ Ihr Vater sei nicht einmal eingezogen gewesen, da er in einem sogenannte kriegswichtigen Betrieb arbeitete, der U-Boot-Netze herstellte.

Walter Rose (86) hatte gerade die Schule abgeschlossen und wollte Flugzeugingenieur werden. Ein Volontariat hatte er sich schon besorgt. Doch sein Vater sagte: „Du bleibst hier! Es gibt Krieg.“ So lernte er in der Schiffsausrüstungsfirma am Stau. Noch im Jahr 1939 seien die beiden Lastwagen des Unternehmens eingezogen worden. „Die hatte man ja schon 1937 gemustert“, erinnert er sich. Was genau er am 1. September machte, weiß er nicht mehr. Eingezogen wurde er 1941 und als Marineartillerist ausgebildet. 1948 kehrte er nach Oldenburg zurück, nach fünf Jahren in englischer Kriegsgefangenschaft in Ägypten.

Auch Ada Sanders erinnert sich nicht mehr genau an diesen Tag. „Es war wohl wie immer“, meint die 85-Jährige. „Politik war bei uns kein Thema und Polen weit weg.“ Sie wohnte in ihrem Elternhaus an der Hauptstraße und sei vermutlich an dem Freitag zur Arbeit in das Modehaus Gehrels in der Innenstadt geradelt. Dort lernte sie Kontoristin und war froh, überhaupt eine Lehrstelle zu haben. Ansonsten interessierte sie sich für Sport und turnte beim TuS Eversten. „Zum Ausgehen war ich mit 15 ja noch zu jung, und das wurde von der Hitlerjugend kontrolliert.