OLDENBURGER LAND - Bauer W. ist ein aufbrausender Mann. Wenn er sich in Rage redet, ist seine Stimme laut und rau, es fallen auch schon mal Kraftausdrücke, und ja, er hat sehr viel geschimpft und geflucht in den letzten Tagen. Aber jetzt, an Tag 22, hat ihn sogar seine Wut verlassen. „Heute morgen habe ich eine halbe Stunde lang geheult“, sagt der kräftige Mann mit leiser Stimme. „Ich weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll.“
Der Legehennenbetrieb von Bauer W. ist einer von zwei Legehennenbetrieben im Landkreis Cloppenburg, die amtlich gesperrt sind. In einer Eier-Probe von W.s Hof konnte Dioxin nachgewiesen werden: Der Dioxin-Wert lag bei 4,9 Nanogramm pro Kilogramm Eifett; erlaubt sind höchstens 3 Nanogramm.
200 000 Eier verbrannt
„Erst gestern waren sie wieder da“, murmelt W.; 200 000 Eier mussten vernichtet werden. Wie Giftstoffe wurden die Eier in Container verpackt und dann nach Kampe zur Tierkörperbeseitigungsanlage gefahren. Dort wurden sie unter Sicherheitsvorkehrungen zu Tiermehl verarbeitet und anschließend verbrannt, bei einer Temperatur von mindestens 1300 Grad Celsius. 1300 Grad, so viel muss man haben, um Dioxin endgültig zu vernichten.
200 000 Eier im Feuer – das entspricht einem Verlust von rund 40 000 Euro. Für 8 bis 9 Cent hätte Bauer W. die Eier verkaufen können, „normalerweise“, sagt er. Jetzt muss er stattdessen die Entsorgung der Eier bezahlen. W. hat vier Ställe mit gut 20 000 Hühnern, täglich bekommt er also 20 000 neue Eier hinzu.
Dank der Hersteller-Codes auf den Eiern lässt sich genau feststellen, von welcher Herde, aus welchem Stall die belasteten Eier stammen. Bei W. wurde ein Stall gesperrt, die Eier aus den anderen Ställen könnte er verkaufen, „normalerweise“, sagt er wieder. „Ich werde die aber nicht los!“, ruft er plötzlich, „der Kunde nimmt die einfach nicht mehr!“ Seine Stimme versagt.
„Der Markt ist total zusammengebrochen“, bestätigt Wilhelm Hoffrogge, Vorsitzender der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft. Hoffrogge ist selbst Geflügelzüchter, sein Betrieb liegt in Dötlingen (Landkreis Oldenburg), „und wir sind zum Glück völlig verschont geblieben“. Aber auch sein Eier-Lager sei voll bis obenhin, denn: „Es gibt eine große Kauf-Zurückhaltung bei Eiern und Geflügelfleisch.“ Hoffrogge schätzt den Schaden für die Branche auf rund 300 000 Euro täglich.
Hoffrogges Hof ist verschont geblieben, weil er sein Hühnerfutter von einer anderen Quelle bezieht als Bauer W. Der hatte seine Hühner mit Futter von der Firma Wulfa-Mast aus Dinklage gefüttert – so wie viele andere Bauern auch. Nach der Selbstanzeige von Wulfa-Mast, die bei einer Eigenkontrolle Dioxin-Grenzwertüberschreitungen festgestellt hatte, wurde der Hof von W. am 23. Dezember vom Landkreis Cloppenburg vorsorglich gesperrt – so wie viele andere Höfe auch. Aber anders als die meisten anderen Höfe wurde der von W. nicht wieder freigegeben. W. hatte Pech, ausgerechnet in Eiern von seinen Hühnern wurde Dioxin gefunden.
Deshalb wird W. jetzt noch einmal laut: „Ich bin hier der Gelackmeierte!“ Es fällt ein deftiger Kraftausdruck – er geht an die Adresse der Firma Harles und Jentzsch in Schleswig-Holstein, die Futterfette systematisch gepanscht und damit auch den Futtermittelhersteller Wulfa-Mast beliefert haben soll. Harles und Jentzsch haben inzwischen Insolvenz angemeldet; ob es Schadenersatz für die betroffenen Landwirte geben wird, steht in den Sternen. „Hier geht alles verloren, für das ich gearbeitet habe“, seufzt W.
Ungewisse Zukunft
Unklar ist, wann der amtlich gesperrte Hof von Bauer W. wieder freigegeben werden kann. Laut Gesetz muss der Landwirt selbst nachweisen, dass seine Lebensmittel nicht mehr belastet sind. Eigenkontrollen kosten 500 bis 700 Euro pro Probe, wie oft und lange W. noch Proben nehmen muss, ist ungewiss: Dioxin setzt sich im Körperfett fest. „Das kann also noch Wochen dauern“, sagt der Cloppenburger Kreis-Veterinär Dr. Karl-Wilhelm Paschertz.
Wenn es ganz schlecht laufe, müsse W. am Ende vielleicht sogar alle Tiere aus seinem Stall töten lassen.
