Papenburg - Ein neuer Chef, neue Geschäftsfelder und eine Ablieferung, bei der bis zuletzt jede Stunde zählte: Hinter der Papenburger Meyer Gruppe liegt ein Jahr in unruhigem Fahrwasser. Und auch am Horizont wartet nur eine dünne Auftragslage auf die Papenburger Werft. In ihrem Jahresrückblick gibt sich die Unternehmensgruppe aber optimistisch. Man befinde sich mit den drei Werften und rund 7200 Mitarbeitenden in einem Veränderungsprozess, stelle sich mit neuen Geschäftsfeldern zukunftssicher auf, heißt es in einer Mitteilung.
Konverterplattformen
So sollen am Standort in Warnemünde künftig Konverterplattformen für Offshore-Windparks gebaut werden. Gemeinsam mit dem belgischen Unternehmen Smulders werde dafür eine eigene Ingenieurs-Gesellschaft gegründet, die mit der Entwicklung und Konstruktion solcher Plattformen beginnen soll. In einem ersten Schritt entstünden dort 100 Arbeitsplätze.
Unterdessen werden am Standort in Papenburg bereits Stahlkonstruktionen für Konverterstationen gebaut. Damit hatte der Netzbetreiber Amprion, der die Bauteile für die Anbindung von Windparks in der Nordsee benötigt, die Werft im November beauftragt. Der Auftrag umfasst ein Volumen von rund 43.000 Tonnen Stahl, was nach Angaben der Meyer Gruppe ungefähr einem großen Kreuzfahrtschiff entspricht. Wie viel der Auftrag dem Papenburger Schiffsbauer einbringt, wurde aber nicht kommuniziert. Ausgeliefert werden sollen die Stahlteile über einen Zeitraum von Herbst 2024 bis zum Frühjahr 2027.
Werden mit Stahlkomponenten der Meyer-Werft gebaut: Konverter-Plattformen in der Nordsee. (Bild: Meyer Werft)
Die Gewerkschaft IG Metall Leer-Papenburg wertete den Auftrag gegenüber „Buten un Binnen“ grundsätzlich als gute Nachricht, besonders für die Beschäftigten im Stahlbau. Andere Sparten, die etwa für den Innenausbau der Kreuzfahrtriesen zuständig sind, würden aber vermutlich nicht profitieren.
Kreuzfahrtschiffe
Aktuell befinden sich noch drei Kreuzfahrtschiffe in den Baudockhallen. Mit der „Disney Treasure“ und der „Silver Ray“ werden im Jahr 2024 ein großes und ein kleineres Kreuzfahrtschiff abgeliefert. Die „Asuka III“ soll 2025 vom Stapel laufen. Für die Zeit danach fehlen aber Aufträge.
Die „Silver Ray“ ist eines von drei Kreuzfahrtschiffen, die gerade in Papenburg gebaut werden. Foto: Meyer Werft
Im abgelaufenen Jahr hatte der Schiffsbauer in Papenburg mit der „Silver Nova“ und der „Carnival Jubilee“ ebenfalls ein kleineres und ein großes Kreuzfahrtschiff abgeliefert. Bei Letzterem musste der ursprüngliche Termin um mehrere Wochen nach hinten verschoben werden, das Land Niedersachsen bürgte mit einer Millionensumme für die Zwischenfinanzierung der Bauarbeiten. Die Werft begründete die Verzögerungen unter anderem damit, dass ein Markenwechsel vollzogen wurde und es Lieferengpässe beispielsweise bei den Möbeln für die Kabinen gegeben habe.
Kurz vor der Ablieferung wandte sich der damalige Seniorchef Bernard Meyer in einer Mitarbeiterzeitschrift ungewöhnlich offen an die Belegschaft. Die pünktliche Ablieferung sei entscheidend für die finanzielle Situation. Anfang Dezember wurde das Schiff schließlich termingerecht an die US-Reederei Carnival Cruise Line übergeben. Von einer „großartigen“ Teamleistung schreibt Geschäftsführer Jan Meyer.
Schwimmende Luxusvillen
Erste Aufträge aus der Kreuzfahrtbranche hat die Gruppe nach eigenen Angaben für ihre neue Sparte „Meyer RE“ erhalten. Die im vergangenen Jahr gegründete Gesellschaft hat sich auf die Wartung und Modernisierung bestehender Schiffe spezialisiert. Darüber hinaus stellte die Gruppe in diesem Jahr ein Konzept für schwimmende Kreuzfahrtterminals und Pläne für ebenfalls schwimmende Luxusvillen in den Malediven vor. Im Ingenieursbereich der Gruppe beschäftige man inzwischen rund 1700 Mitarbeitende. „Fast doppelt so viele wie vor der Krise. Das zeigt eindrucksvoll, wie konsequent wir an unserer Zukunftsfähigkeit arbeiten und die Themen Nachhaltigkeit und Innovation weiter vorantreiben“, schreibt Geschäftsführer Jan Meyer.
Neuer Chef
Den Kurs des Traditionsunternehmens steuert seit Dezember Bernd Eikens (58) als neuer Chef der Meyer-Gruppe. Mit ihm hat erstmals ein familienfremder Manager die Führung übernommen, nachdem sich der Inhaber und langjährige Seniorchef Bernard Meyer (75) aus dem operativen Geschäft in den Beirat der Gruppe zurückgezogen hatte.
Hat sich zum Dezember aus dem operativen Geschäft zurückgezogen: Werftinhaber Bernard Meyer Foto: dpa/Schuldt
