Wildeshausen - Gerade rief ein Bekannter an: Das Familiengrab soll verkleinert werden: vier statt sechs Plätze. „Kein ungewöhnlicher Fall“, sagt Heiko Wittrock, seit 22 Jahren Friedhofsgärtner bei der Stadt Wildeshausen. Nach der Ablauf der üblichen Ruhefrist von 30 Jahren würde die Grabstätte selten verlängert. Feuerbestattung und Urnengrab gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Traditionell besuchen an diesem Sonntag, dem Totensonntag, viele Menschen den Friedhof, um die Gräber der verstorbenen Liebsten oder Angehörigen zu schmücken. In den evangelischen Kirchen finden spezielle Gottesdienste statt. Die klassische Trauerkultur hat sich in den letzten Jahren stark verändert, weiß Wittrock. „Früher gab es vier oder fünf reine Urnengräber. Heute sind es mehr als 300.“ Dem stehen 3500 Grabstellen auf dem gesamten Friedhof – etwa 3,7 Hektar im alten Teil und 2,2 Hektar auf der neuen Fläche am Lehmkuhlenweg – gegenüber.

Die Stadt trägt dem Trend Rechnung: Eine Fläche für anonyme Urnengräber wurde angelegt. Dort können die Blumen nur an einem Gedenkplatz abgelegt werden. An einem weiteren Areal für Urnengräber wurde bereits die zweite Stele mit den Namen für die Verstorbenen aufgestellt. Wenn die benachbarten Grabstellen abgelaufen sind, soll die Fläche behutsam erweitert werden, sagt Witt­rock. Auf Initiative des Hospiz-Vereins wurde vor einiger Zeit eine Fläche für „Sternenkinder“ eingerichtet – also für Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben mussten. „Ich trage Dich in meinem Herzen“, steht auf der Stele aus weißem Marmor, die Künstler Carsten Bruhns geschaffen hat. Viermal pro Jahr gibt es hier Bestattungen.

Die originäre Arbeit des Friedhofsgärtners habe sich unwesentlich verändert. Von der Auswahl der Grabstätte, über den Aushub und das Schließen des Grabes bis hin zur Pflege der gesamten Anlage sei das Spektrum groß. Aber die Zahl der „großen Beerdigungen“ mit rund 300 Trauernden sei eher selten geworden. „Früher war das ganze Dorf dabei“, erzählt der 43-Jährige. „Heute haben die Leute keine Zeit mehr.“ Der Trend zur anonymen Besetzung führe dazu, dass Trauerfeiern auch außerhalb der Friedhofskapelle stattfinden.

Dabei ist der Friedhofsgärtner immer häufiger als Seelsorger gefragt. „Oft wird schon frühzeitig nach der Bepflanzung befragt“, sagt Wittrock, „dabei spürt man schnell, dass die Menschen eigentlich über etwas anderes reden wollen.“ Die anonymen oder halbanonymen Plätze als Orte des Gedenkens fänden starken Zulauf. Vielen Angehörigen werde erst später bewusst, was ihnen der Verstorbene wirklich bedeutet habe.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent