Bürgerfelde - 150 Jahre wird Porzellan Voss an der Nadorster Straße in diesen Tagen alt. Das ist ein Grund zum Feiern für das alt eingesessene Familienunternehmen. Doch in die Freude über das Jubiläum mischt sich ein großer Wermutstropfen – das Geschäft wird mit dem Ende des Jubiläumsausverkaufs aufgegeben und geschlossen.
Aktuelle situation
„Schweren Herzens“, räumt Inhaber Reiner Plänitz ein. Doch in seiner Familie hat sich kein Nachfolger gefunden, um das Geschäft zu übernehmen. Und überhaupt, das Internet und das gewandelte Wertegefühl in der Gesellschaft haben sich immer stärker negativ auf das Geschäft ausgewirkt. „Früher erfuhr Geschirr eine hohe Wertschätzung, es wurde regelrecht – wie für die Aussteuer bei einer Hochzeit beispielsweise – gesammelt und später nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch gestellt. Das gibt es heute kaum noch“, hat der 60-Jährige beobachtet. Gefragt sind vielmehr billige Angebote aus dem Supermarkt, die nach ein paar Jahren einfach weggeworfen werden.
Plänitz bedauert, dass mit seinem Unternehmen ein weiteres alteingesessenes Geschäft in Oldenburg schließt. Aufzuhalten ist diese Entwicklung seiner Einschätzung zufolge aber wohl nicht und so steht er in diesen Tagen mit seiner Ehefrau Sabine (58) und seine beiden Schwestern Sabine Stadtlander (46) und Meike Wassmuth (61) in den Verkaufsräumen an der Nadorster Straße und berät seine Kundschaft beim Jubiläums-/Räumungsverkauf.
Die Firmengeschichte
Die Firmengeschichte reicht in eine Epoche zurück, in der der sogenannte „Tante-Emma-Laden“ die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellte, Einkaufsketten und Warenhäuser noch unbekannt waren. Zu Anfang war das Unternehmen ein „Colonialwaaren“-Geschäft. Im Laufe der Zeit machte die Firma alle Strukturwandlungen des Marktes mit: Nach und nach trennte man sich von immer mehr Sparten, bis die Bezeichnung „Porzellanhaus“ die Spezialisierung nach außen hin kundtat. Und zum Stammhaus in Nadorst kamen zwei Innenstadt-Filialen, weil man ja auch für die Laufkundschaft im Zentrum präsent sein wollte.
Firmengründer Johann Voss war gelernter Tischler vom Lande und rückte 1861 stellvertretend für einen Julius Wilking bei der oldenburgischen Infanterie ein. Er ließ sich den harten Kasernendienst von dem Wehrpflichtigen gut bezahlen, der sich – das war damals möglich - sozusagen vom Wehrdienst freigekauft hatte und einen Ersatzmann schickte. Der Grundstock für einen Existenzaufbau war gelegt.
Der Ersatzmann musste 1866 für den Großherzog noch mal eben in den Deutschen Krieg ziehen, dann eröffnete er mit Ehefrau Doris aus Osternburg einen Laden in Nadorst. Das war damals noch der Bezirk „vor dem Heiligengeisttor“ und als Geschäftsadresse insofern interessant, als hier der Großherzog zwischen Oldenburg und Rastede aus- und einpendelte und auch viel Landvolk hier vorbeizog.
Die Vossens nutzten die Lage und schenkten sich nichts. Schon frühmorgens und noch spätabends bimmelte die Ladenglocke; Verkaufszeiten waren ja nicht festgesetzt. Feilgeboten wurde von der Landbutter bis zum Braungeschirr, von der Kernseife bis zur Petroleumlampe alles, was die Leute so brauchten.
Das Leben im Laden
Johann Voss nahm sich Zeit für persönlichen Kontakt mit den Kunden, ließ auch anschreiben und kam trotzdem zu Geld. Dem Laden gliederte er eine Schankwirtschaft an, in der stets das Allerneueste aus der Residenz zu hören war. Die Konzession verpflichtete ihn, „stets unverfälschte gute Getränke vorrätig zu haben, die Wirtschaft auf Reinlichkeit zu halten und solche besonders auf Trinkgeschirre anzuwenden“. Nach einigen Jahren galt er bei Insidern als Privatbankier, gehörten ihm mehrere Grundstücke in Nadorst – Reputation genug für einen Sitz im Rat der Stadt. Bei seinem Tod (1904) hinterließ er Sohn Adolf ein stattliches Erbe.
In der auf Adolf Voss folgenden dritten Generation musste der Briefkopf geändert werden. Das Geschäftshaus Nadorster Straße war an Gretchen Voss übergegangen, und die hatte den Kaufmann Bruno Plänitz aus Sachsen geheiratet. Nächster Firmenchef war Rudolf Plänitz, dessen Sohn Reiner aktuell das Geschäft führt.
Auf einem Foto von 1900 firmiert das Geschäft „Colonialwaaren Joh. Voss“ an der Hausfassade, noch 1957 galt es als typischer „Tante-Emma-Laden“. Dann wurde die erste Service-Abteilung eingerichtet und das Sortiment reduziert. Und dann wurde auch immer wieder umgebaut, zumeist in Richtung Steubenstraße erweitert und dem Wandel der Zeiten entsprechend modernisiert.
So geht es weiter
Der Jubiläums- und Räumungsverkauf beginnt offiziell am Freitag, 21. Oktober. Zur Vorbereitung ist am Tag davor (Donnerstag, 20. Oktober) geschlossen. Endgültig schließen wird Porzellan Voss dann Anfang nächsten Jahres, schätzt Reiner Plänitz die Situation ein. Dann werden auch die zehn Angestellten, von denen viele seit mehr als 20 Jahren in dem Unternehmen beschäftigt sind, zum letzten Mal zu ihrer Arbeit an der Nadorster Straße fahren.
Plänitz will sich Zeit lassen, um das Haus Raum für Raum auszuräumen. Das Gebäude, das auf einem mehr als 1000 Quadratmeter großen Grundstück steht, soll verkauft werden.
