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Wissenschaft Erfolgs-Geschichte an          der Donau

Karsten Krogmann

REGENSBURG - Wer den Oberbürgermeister sprechen will, muss erst etliche Jahrhunderte hinter sich lassen. Da geht es am römischen Stadttor vorbei, 1900 Jahre alt, und am Goldenen Turm, 850 Jahre alt, es geht ins Alte Rathaus, 650 Jahre alt, und durch dunkle Torbögen hinauf in den Anbau, 350 Jahre alt. „Die Regensburger nennen das hier das Neue Rathaus“, erklärt der Oberbürgermeister: „350 Jahre, so was beeindruckt in dieser Stadt niemanden mehr.“

Hans Schaidinger (CSU), 61 Jahre alt, sitzt in seinem holzvertäfelten Amtszimmer. Rechts von ihm türmt sich ein gewaltiger Bücherschrank auf, 400 Jahre alt, und deshalb macht der Politiker jetzt erst einmal einen historischen Witz: „Ich sage immer: Der 1. Mai 1996 war für die Stadt Regensburg ein Meilenstein.“ Schaidinger macht eine Kunstpause und lächelt listig; der 1. Mai war sein erster Amtstag als Oberbürgermeister. „An diesem Tag“, sagt er dann, „haben die ersten klinischen Absolventen der Universität Regensburg ihr Medizinstudium abgeschlossen!“

Kliniken rüsten auf

Es ist Abend, draußen tunken Scheinwerfer die Vergangenheit in festliches Licht; Dom, Geschlechtertürme, Wirtshäuser, alles leuchtet. Seit wenigen Jahrzehnten steht Regensburg, die Jahrhunderte alte Stadt an der Donau, glänzender da denn je – „und großen Anteil daran hat die Medizin“, sagt der Oberbürgermeister.

Drei Kilometer weiter südlich eilt Professor Dr. Michael Nerlich in sein Büro. Er ist spät dran, sein weißer Kittel flattert, der Arzt kommt direkt aus dem OP. „Unfallchirurgie“, sagt seine Sekretärin entschuldigend: „Da kommt immer was dazwischen.“

Nerlich, 57 Jahre alt, leitet die Unfallchirurgie des Regensburger Universitätsklinikums. „Ich bin ein Urgestein“, sagt er von sich selbst: ein gebürtiger Ostbayer, der zwischenzeitlich in Hannover und Amerika arbeitete und sofort zurückkam, als Anfang der 90er Jahre das Regensburger Klinikum in Betrieb ging. „Damals“, erinnert er sich, „hatten die anderen Krankenhäuser hier große Angst vor uns.“ Aber was passierte? „Die anderen sagten: Wir müssen aufmunitionieren! Der ganze medizinische Bereich in der Region wurde upgegradet!“


Und so entstand das „Regensburger Modell“: Nicht alle medizinischen Fachrichtungen fanden Platz in der neuen Uni-Klinik, also übernahmen andere Häuser in Stadt und Region Ausbildungsteile als gleichberechtigte Lehrstühle. Nerlich spricht von „Vernetzung“, und weil das so gut funktionierte, vernetzt er nun immer weiter: Der Professor ist Vorstandschef des Vereins Forum MedTech Pharma. Darin tauschen sich 650 Mitglieder aus 15 Ländern aus, Unternehmer wie Mediziner, um Wachstumspotenziale in der Medizintechnik zu finden.

Nerlichs Piepser meldet sich, der Arzt muss zurück in den OP.

Medizintechnik als Markt

In seinem 350 Jahre alten Amtszimmer blickt der Oberbürgermeister noch einmal zurück auf die jüngere Stadtgeschichte. „16 Tage nach meinem Amtsantritt“, sagt Hans Schaidinger, „habe ich alle wichtigen Leute an einen Tisch geholt, um über Uni und Klinikum zu sprechen. Die Frage lautete: Wie können wir dieses Potenzial über Krankenhaus- und Forschungsbetrieb hinaus nutzen?“

„Windows of Competence“ nennt Dr. Thomas Diefenthal so etwas: Kompetenzfenster. Diefenthal, 50 Jahre alt, ist Geschäftsführer der BioPark GmbH, er hat ein großes und ziemlich blaues Büro im sogenannten BioPark I. Der BioPark I, ein moderner Kastenbau mitten auf dem Universitätscampus, heißt so, weil es daneben inzwischen einen ebenso kastigen BioPark II gibt und daneben gerade der genauso kastige BioPark III gebaut wird. „Das hat sich alles sehr erfolgreich entwickelt“, sagt Diefenthal stolz.

„Chance genutzt“

Diefenthal sagt, so ein „Window of Competence“ öffne sich, wenn die richtigen Leute zur richtigen Zeit die richtigen Kompetenzen bündelten – so geschehen in den späten 90er Jahren in Regensburg. Jetzt sitzen sie da alle auf dem weitläufigem Campus: Universität und Fachhochschule, Medizin und Biologie, Chemie und Physik, Ingenieure und BioPark-Unternehmer. „Die Medizintechnik ist das Innovationsfeld der Zukunft“, behauptet der gelernte Biologe Diefenthal.

In Ostbayern gibt es Firmen wie den Edelglas-Fabrikanten Schott, der irgendwann den Markt für bruchsichere Laborgläser für sich entdeckte. Oder die Metallwarenfabrik Linhardt, die Eisenhüllen für den Tintenroller Edding herstellt, aber irgendwann eben auch den Markt für Pharma-Tuben für sich sah. Solche etablierten Unternehmen nutzen die örtlichen Medizin-Kompetenzen, „die Region wird sich ihrer eigenen Stärken und Qualitäten bewusst“, sagt Diefenthal.

Vor allem sind aber zahlreiche neue Firmen entstanden, Firmen wie die Geneart AG, gegründet 1999 mit vier Beschäftigten, heute 195 Mitarbeiter stark. Die Firma produziert synthetische Gene für Impfstoffe. 42 Firmen mit mehr als 2500 Mitarbeitern gibt es mittlerweile in der BioRegio Regensburg, 260 Millionen Euro wurden seit 1999 investiert. „Regensburg ist keine graue Maus mehr wie noch in den 80ern“, sagt Diefenthal, der aus Köln stammt.

Im zweiten Stock des BioParks II hat Wolfgang A. Götz einen Büroraum gemietet, mehr Platz braucht er derzeit nicht. Götz, 47 Jahre alt, ist gebürtiger Regensburger, an der örtlichen Uni hat er als einer der ersten Medizin studiert. Er wurde Herzchirurg, arbeitete in den USA und in Singapur. „Aber da konnte ich nicht bleiben“, sagt er, „die erkennen unsere deutschen Medizin-Abschlüsse nicht an.“ Er ging nach Deutschland zurück, „aber die Arbeitsbedingungen für Ärzte sind hier schwierig“. Also machte er sich selbstständig, mit seinem asiatischen Partner Lim Hou Sen gründete er die Firma Transcatheter Technologies GmbH. Ihr Ziel: die kathetergestützte Herzklappen-Implantation voranzutreiben.

Mittel gegen Ärztemangel

Götz legt einen schmalen, langen Koffer auf den Tisch und holt einen pistolenartigen Katheter heraus. Das Prinzip ist einfach: Wenn es gelingt, die Herzklappe per Katheter einzusetzen, muss kein Brustkorb mehr aufgeschnitten werden, die Herz-Lungen-Maschine kann ausgeschaltet bleiben. Operiert werden könnten dann auch ältere Menschen, für die der gängige Eingriff bisher zu riskant ist. Einen Prototyp der Herzklappe gibt es bereits, „und wenn alles klappt, kann ich bald viel mehr Menschen helfen als als Herzchirurg“, sagt Götz. 2014 soll die Klappe auf den Markt kommen.

Und warum gründete er seine Firma ausgerechnet in Regensburg, also in deutscher Randlage? Götz blickt erstaunt auf: „Ich habe es nur 100 Meter zur Pathologie, 500 Meter zum Klinikum, hier sitzen die ganzen Experten.“ Außerdem sei Regensburg mit seiner sanierten Altstadt eine lebenswerte Stadt, „dafür kann man die besten Köpfe begeistern“. Köpfe wie Lim Hou Sen; er ist gleich mit der ganzen Familie nach Bayern hergezogen.

Die Medizin hat Arbeitsplätze und Menschen nach Regensburg gebracht, 3500 Menschen arbeiten allein im 833-Betten-Klinikum, 2500 in der BioRegio, zahlreiche weitere in Zuliefererbetrieben.

Aber es gibt noch weitere Effekte der Medizinischen Fakultät, allen voran die verbesserte medizinische Versorgung. „Der Landarztmangel ist bei uns weniger ausgeprägt als in anderen Regionen“, berichtet Professor Nerlich im Klinikum. Die Uni rekrutiere ihre Studenten vorwiegend aus der Region, viele würden auch nach dem Examen bleiben wollen. „Außerdem haben wir da einen kleinen Trick: Wir haben 40 Lehrpraxen für Allgemeinmedizin auf dem Land, das geht bis in den Bayerischen Wald hinein – da können die Leute in den Beruf hineinschnuppern.“

Diagnose per Telemedizin

Unterstützend baut die Uni den Bereich Telemedizin aus, soll heißen: Wer nicht weiter weiß, muss nicht seinen Patienten in die Uniklinik schicken, sondern nur die Patientenbilder. 25 Krankenhäuser aus ganz Ostbayern machen mit, so Nerlich; bald sollen auch die Landarztpraxen die Telemedizin nutzen können.

Vor seinem 400 Jahre alten Bücherschrank lehnt sich Regensburgs Oberbürgermeister Hans Schaidinger sehr zufrieden zurück. „439 Landkreise und kreisfreie Städte gibt es in Deutschland“, sagt er, „nur zwei davon haben mehr Arbeitsplätze als Einwohner.“

Eine davon ist Wolfsburg in Niedersachsen. Die andere liegt in Ostbayern und heißt Regensburg.

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