Vielstedt - „Ich hab’ jetzt erst mal die Schnauze voll“, sagt Wolfgang Denker und lässt sich auf einen Stuhl plumpsen. „Das war irgendwie alles anstrengender, als ich gedacht hab’“, bei der Erinnerung an seine Tour, die eine echte Tortur war, legt er die Stirn in Falten.
Vor ein paar Wochen noch, sah alles ganz anders aus für den 46-Jährigen: Voller Eifer und großer Pläne, infiziert von Fernweh und Abenteuerlust, plante der Vielstedter seine 1300 Kilometer lange Reise von Mailand nach Barcelona mit dem Rennrad (die NWZ berichtete).
Damals, in Radlerhosen und knallgelben Sportshirt, so kurz vor der Abfahrt, schien es, als könne ihn nichts aufhalten. Angst? Ein Fremdwort. Sprachbarrieren? „Ich schreib mir ein paar französische Sätze auf.“ Was passiert, passiert – lautete die Parole des Sportlers.
Und es passierte eine Menge. Auch solche Dinge, mit denen der gelernte Zimmerermeister nicht gerechnet hätte und von denen er jetzt im gut beheizten und trockenen Büro seines Bauträgerunternehmens schon wieder lachend erzählt. Das schicke atmungsaktive Radlerdress hat er erstmal an den Nagel gehängt. Dafür trägt er Hemd und Jeans. Ein Genuss: „Die Klamotten waren fast nie richtig trocken“, sagt Wolfgang Denker, und dann berichtet er vom Dauerregen, der ihn schon am Flughafen in Mailand empfangen hat, von den überteuerten Pensionen ohne Heizung, von der Reifenpanne – gleich zweimal hintereinander – für die er, „wie soll es anders sein?“, nicht das passende Ersatzteil im Rucksack hatte und natürlich von den Schmerzen in seinem Hinterteil.
Als echter Sportsfreund und weil das Ganze „schließlich ein Abenteuer war“ aber, kann der 46-Jährige auch über den vorherigen Eifer lächeln. Inzwischen zumindest. „Zeitweise hab’ ich echt gedacht: Jetzt ist Schluss. Ich breche alles ab“, berichtet er. Nach einer Herberge „in der seit bestimmt 20 Jahren niemand mehr eingekehrt ist“, einer feucht-klammen Nacht in regendurchweichten Klamotten und wenig gastfreundlichen Hausherren, war es dann soweit: „Ich habe meine Frau angerufen und ihr gesagt, sie soll mir ein richtig gutes Hotel buchen, egal, was es kostet.“ Angekommen in Marseille nahm sich der Radler ein Taxi. Müde von der Verständigung „mit Hand und Fuß“, bat er seine fremdsprachenversierte Gattin, dem Fahrer telefonisch zu erklären, wo er hin wolle, und dann gönnte sich die Sportskanone eine Auszeit vom Abenteuerurlaub. „Danach ging es wieder. Die Motivation ist zurückgekommen und auch die Sonne“, erzählt Wolfgang Denker.
Schönes gab es auch: nette Bekanntschaften, aufmunternde Hilfsbereitschaft, atemberaubende Landschaften und jede Menge Lebenserfahrung. Zum Beispiel, dass nach Regen Sonnenschein kommt. Und umgekehrt. Leider. „Als es wieder nass wurde, bin ich ein Stück mit dem Zug gefahren“, gesteht der 46-Jährige. „Irgendwie war die Strecke aber auch ohnehin weiter, als ich vorher berechnet hatte.“ Er betrachtet die zerfetzten und wettergegerbten Kartenausschnitte vor sich auf dem Tisch. „Eine Erinnerung“, lacht er.
Alles in allem hat der Vielstedter hat die Zähne zusammengebissen und sich abgestrampelt. Seine angepeilten 160 Kilometer ist er pro Tag tatsächlich in die Pedale getreten. Das Ergebnis: fünf Kilo Körpergesicht weniger und 300 Euro für den Verein Kinderaugen. Zu seinen Vorsätzen gehörte nämlich auch, eine Spende von 20 Cent pro gefahrenem Kilometer für die Organisation zu leisten.
Irgendwann waren Bargeld und Geduld verbraucht. Die Kreditkarte war als unnötiger Luxus in Vielstedt geblieben. Nach anderthalb Wochen Entbehrung mit labberigem Weißbrotfrühstück hat sich Wolfgang Denker sehr auf „gute Hausmannskost“, ein weiches Bett, die heiße Dusche und trockene Unterwäsche gefreut.
Aufs Fahrrad ist er seither erst einmal gestiegen. „Aber das kommt wieder. Wenn es wärmer wird“, versichert er. „Nur beim nächsten Mal werde ich es anders machen.“ Und das ist trotz allem schon in Planung: Im kommenden Sommer soll es mit dem Rad nach Schottland gehen. Vom Abenteuer hat der Vielstedter nämlich noch längst nicht die Schnauze voll.
