Oldenburg - Autofahrer verpassen neben ihm staunend die Grünphase an der Ampel. Kinder zerren an den Armen ihrer Eltern, wenn er vorbeirollt. Im Bus drücken sich Leute an den Fensterscheiben die Nasen platt – alles, um Erwin Juhl in Aktion zu sehen. Der 56-Jährige fährt Oldenburgs einziges Fahrrad-Rikscha-Taxi. Und ist deshalb eine Attraktion.
Seit dem 1. August hat er ein Gewerbe als Kleinunternehmer angemeldet, um Fahrgäste durch die Stadt zu kutschieren. Wo immer er in die Pedalen tritt, winken ihm die Menschen freundlich zu. „Ich find’s toll“, freut sich der drahtige Pensionär über die Resonanz. Seine erste bezahlte Fahrt fand am 23. August statt. Gebucht wurde er von den Eltern eines kleinen Mädchens, die ihre Tochter vom Bahnhof nach Hause zur Siegfriedstraße in Donnerschwee kutschieren ließen. Beim Weinfest hat er Passagiere auch unentgeltlich abends durch die Stadt zum Bahnhof gefahren, um auf sich und seinen ungewöhnlichen Transportservice aufmerksam zu machen.
Üben mit den Nachbarn
Weitere Aufträge ließen nicht lange auf sich warten: Freunde eines Brautpaares haben ihn engagiert, um die künftigen Eheleute zu einem Überraschungspolterabend abzuholen. Am vergangenen Wochenende war der Everster bei der Aktion „Lebendige Höfe“ unterwegs. Man kann Erwin Juhls Dienste für Rundfahrten, Picknickausflüge, Taxitouren, Fahrten zum Arzt oder „Nur-mal-so-Fahrten“ ordern. Für 2015 stehen bereits zwei Geburtstage, bei denen er die Jubilare kutschieren soll, in seinem Kalender.
Wer vorab bucht, zahlt dafür als Einzelperson 13 Euro für eine Stunde, für Kurzentschlossene kostet der Spaß einen Euro mehr. Für zwei Personen, die auf der gepolsterten Rückbank bequem Platz finden, beträgt der Stunden-Fahrpreis 18 Euro bzw. 20 Euro für „Spontan-Kunden“. Erreichen kann man Juhl am besten per Handy unter 0171/9344239. Eine Internetseite ist im Aufbau, ein Facebook-Profil hat er bereits angelegt.
Bevor er sich auf dem Sattel der 70 Kilo schweren, hellgrün lackierten Droschke in den Stadtverkehr wagte, hat Erwin Juhl etliche Probefahrten mit Freunden und Nachbarn als Passagiere unternommen. Aufgrund der Abmessungen – die 1,10 Meter breite und 2,58 Meter lange Rikscha passt mit einer Höhe von 1,80 Metern gerade mal durch den heimischen Gartentorbogen – muss er mit dem Gefährt zwingend die Straße benutzen.
„Human-Triebwerk“
Juhl war Kfz-Mechanikermeister bei der Bundeswehr. Seit 2011 ist er eigentlich im Ruhestand, sein Know-how in der Kaserne ist indes noch immer gefragt. Daher ist er vorerst nur abends und an Wochenenden mit der Rikscha im Einsatz, nächstes Jahr will er dann richtig durchstarten als Radkutscher.
Wer sich hinter Erwin Juhl in der Fahrgastkabine unter dem cremefarbenen Verdeck niederlässt, blickt auf stramme Waden: „Ich habe jahrelang Spinning gemacht – das kommt mir jetzt zugute“, lacht der 56-Jährige. Zur Not verfügt seine mit stufenloser Gangschaltung, hydraulischen Scheibenbremsen, Mountainbike-Rädern und LED-Beleuchtung ausgestattete Radkutsche auch über einen Elektromotor. „Auf den will ich aber weitgehend verzichten“, sagt Juhl. Er setzt lieber auf sein „Human-Triebwerk“, dessen Verbrauch er humorvoll so angibt: „1,5 Liter Apfelschorle-Wasser-Gemisch auf 100 Minuten.“
Auf die Idee, einen Rikscha-Service anzubieten, ist er bereits im Frühjahr 2012 gekommen, als er das ungewöhnliche Transportmittel in Hannover entdeckte. Juhl absolvierte dort einen Grundkurs, um sich für sein ehrenamtliches Engagement in der Oldenburger Bahnhofsmission zu wappnen.
Als er mit seiner Frau in diesem Frühjahr seinen Sohn in der Rikscha-Hochburg München besuchte, kam er zu dem Entschluss: „Jetzt ist die Zeit reif dafür“. Nachdem er im Internet ausgiebig recherchiert, Vorschriften und Gesetze studiert hatte, erstand er im Juli eine gebrauchte Rikscha bei der Herstellerfirma „Radkutsche“ in Mössingen bei Tübingen. „Ich habe die Rikscha gesehen, bin Probe gefahren, habe sie auf den Anhänger geladen und mitgenommen“, erzählt Erwin Juhl. „Ich habe Herz und Bauch sprechen lassen und mir einen Traum erfüllt.“
