Rüsselsheim/Paris - Eine halbe Milliarde Euro Gewinn hat Opel im ersten Halbjahr eingefahren, angesichts jahrzehntelanger Verluste und öffentlichen Dauerstreits mit der Gewerkschaft ist das fast schon eine Sensation. Ein Jahr nach der Übernahme durch den französischen PSA-Konzern scheint die Traditionsmarke in die Erfolgsspur zurückgefunden zu haben.

Doch in den Jubel mischen sich immer noch auch Sorgen um das künftige Profil des Unternehmens und nicht zuletzt um die Sicherheit der Arbeitsplätze. Opel-Chef Michael Lohscheller und sein Konzernchef Carlos Tavares haben Wort gehalten und den von General Motors (GM) für 1,3 Milliarden Euro übernommenen Autobauer ohne Standortschließungen oder betriebsbedingte Kündigungen umgebaut. Gemeinsamer Einkauf, geringere Fixkosten und ein stärkerer Fokus auf die tatsächlichen Erlöse pro Fahrzeug haben – trotz weiter sinkender Marktanteile – zur schnellen Wende beigetragen.

Mit Gewerkschaft und Betriebsrat wurde nach heftigen Diskussionen ein Sanierungs-Tarifvertrag abgeschlossen, der gegen Lohnverzicht die in Deutschland verbleibenden rund 14 000 Jobs bis zum Jahr 2023 garantiert und außerdem den einvernehmlichen Personalabbau auf 3700 Menschen begrenzt. Auch an den anderen europäischen Opel-Standorten haben die Gewerkschaften finanzielle Einschnitte akzeptiert.

Den operativen Gewinn – also ohne Einmalkosten, Steuern und Zinsen – hat Opel mit einer Fahrzeugflotte eingefahren, die zu über 80 Prozent noch unter der Ägide von GM entwickelt wurde – mit dem derzeit erfolgreichen Flaggschiff Insignia an der Spitze. Dieses wurde wie die aktuellen Volumenmodelle Corsa und Astra ganz wesentlich und mit hohem Aufwand in Rüsselsheim geplant und dann teilweise unter anderen Namen in die weite GM-Welt geschickt, natürlich mit Griff in die Regale eines weltweit agierenden Konzerns.

Seitdem die Franzosen bei Opel das Sagen haben, läuft es eher anders herum: Die meiste Technik der ersten gemeinschaftlichen Modelle und des für 2019 geplanten neuen Corsa stammt von PSA, die Opel-Leute geben den Autos beispielsweise mit Fahrwerksabstimmung und eigenen Design-Elementen ein deutsches Finish. Opel drohe zur PSA-Designhülle zu werden, kritisierte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.


„Germanness“ sollen die künftigen Opel-Modelle ausstrahlen, meint hingegen PSA-Chef Tavares – und meint damit Solidität, Effizienz und autobahnfeste Dynamik, gern auch elektrisch. Letzteres bekräftigte Lohscheller nun gegenüber dem Tagesspiegel: „Wir stecken in einer großen Elektrooffensive“, sagte er. „Bis 2024 werden wir unser gesamtes Angebot elektrifiziert haben. Das ist ein Riesenschritt.“ Deutsche Ingenieurskunst werde weltweit bewundert, sagte Tavares.

„Opel wird noch deutscher, als es jemals der Fall war“, sagte Lohscheller. Rüsselsheim werde jeden Opel verantworten und wichtige Themenfelder wie die Brennstoffzelle, Sitze oder eine neue Benzinmotoren-Familie zen­tral für den gesamten Konzern erledigen. Wie viele der über 7000 Ingenieure im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum er dafür benötigt, hat der Opel-Chef bislang offen gelassen. Ebenfalls unklar ist, mit welchen Projekten die Werke Eisenach und Kaiserslautern ausgelastet werden sollen.