SANDE - Die Szene wird Heike Borchers aus Sande so schnell nicht vergessen: Hilf­los musste sie mit ansehen, wie Krähen ein Amselnest an ihrem Bauernhof in Sande überfielen und die fast flugfähigen Jungvögel holten, während die Amseleltern aufgeregt dem Drama zusahen.

Auch ein Entennest vor ihrem Haus wurde von Krähen leer geräumt, nur einige aufgebrochene Eierschalen sind übrig geblieben. Inzwischen hat Heike Borchers auch Angst um ihre Meerschweinchen, die vor dem Küchenfenster einen kleinen Auslauf haben. Die Krähen greifen sogar kleine Greifvögel wie Sperber und Bussarde an, hat sie beobachtet. „Gegen die räuberischen Raben muss man doch etwas unternehmen können“, sagt Heike Borchers.

Den Jägern sind allerdings die Hände gebunden. Die Saatkrähe steht unter Schutz. Die Rabenkrähe darf zwar gejagt werden – aber nicht in der Brut- und Setzzeit, die noch bis zum 15. Juli dauert.

Auch vielen Jägern sind die Übergriffe der Krähen auf andere Jungvögel ein Dorn im Auge. „Die Krähen sind ein Problem“, sagt der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Friesland, Irp Memmen aus Sande. Es gehe um einen „Spagat zwischen natürlichen Prozessen und menschlichen Eingriffen“.

Heike Borchers wohnt an der Straße Leyleckerhörn in Sichtweite des Nordwest-Krankenhauses. Dort gibt es große Krähenkolonien. „Hier handelt es sich aber um Saatkrähen – und die räubern im Gegensatz zur Rabenkrähe keine Nester aus“, sagt Armin Tuinmann von der Naturschutzbehörde des Landkreises Friesland. Das bestätigte auch der Vogelexperte und Naturschutzbeauftragte des Landkreises, Werner Menke aus Jever.


Auch ihm sind Übergriffe von Rabenkrähen auf Nester anderer Vögel bekannt. Aus seiner Sicht handelt es sich aber um Einzelfälle. „Auf keinen Fall gefährden die Rabenkrähen die Population von Massenvögeln wie Amseln oder Enten“, so Menke.

Irp Memmen geht davon aus, dass Saatkrähen-Kolonien auch Rabenkrähen anziehen. Das könnte erklären, warum die Tiere so oft auf dem Hof der Familie Borchers in Sande auftauchen.

Tuinmann zufolge nimmt die Kreisverwaltung Beschwerden über Krähen sehr ernst. So seien auf dem Krankenhaus-Gelände in Sanderbusch bereits vor Jahren Bäume gefällt wurden, um den Kolonien die Nistmöglichkeiten zu nehmen. In Jever hätten Krähenklatschen dafür gesorgt, dass sich am Kirchplatz keine Krähen mehr niederlassen. Eine große Kolonie findet sich dagegen im Schlosspark.

In Jever ist die Gesamtpopulation der einst in ihrem Bestand gefährdeten Saatkrähe im Vergleich zum Vorjahr um etwa 20 Prozent gestiegen.

Auch Tuinmann betont, dass derzeit nichts gegen räubernde Rabenkrähen unternommen werden kann. Die Amseln und Enten auf dem Hof von Familie Borchers in Sande müssen deshalb weiter um ihren Nachwuchs bangen.

Ulrich Schönborn
Ulrich Schönborn Chefredaktion (Chefredakteur)