SANDERBUSCH - Am Anfang war da nur so eine seltsame kleine Wölbung am Schienbein. „Das wird schon nichts Schlimmes sein“, dachte sich Sonja Fabich aus Oldenburg und wandte sich im Herbst 2007 an ihren Hausarzt. Doch der wurde aus der merkwürdigen Veränderung am Bein seiner Patientin auch nicht richtig schlau und überwies die junge Frau an einen Orthopäden. Der wiederum meinte, dass sich das besser mal ein Gefäßchirurg ansehen sollte.
Zwei Jahre und mehrere Klinikbesuche, Gewebeproben und Ultraschalluntersuchungen später war aus der anfänglichen Wölbung ein faustgroßer Tumor geworden. Weil der genau auf dem Schienbein-Nerv wucherte, hatten Ärzte mehrerer Kliniken der Region eine Operation als zu riskant abgelehnt. Die Ärzte versicherten Sonja Fabich, dass der Tumor gutartig sei. Aber die Gefahr, dass die junge Frau bei einer operativen Entfernung eine bleibende Lähmung an ihrem Fuß zurückbehalten könnte, war sehr groß, warnten die Mediziner. Sie hätte möglicherweise nie mehr Auto fahren, Rad fahren und nie mehr richtig laufen können.
Zeitbombe im Körper
Doch Sonja Fabich und ihre Familie blieben beunruhigt: Was ist, wenn der Tumor weiter wächst, Nerven oder Schlagader abklemmt und eines Tages der rechte Fuß entfernt werden muss? „Ich hatte das Gefühl, mit einer tickenden Zeitbombe im Körper zu leben“, sagt die heute 34-Jährige. Ein Freund, der im Nordwest-Krankenhaus (NWK) Sanderbusch beschäftigt ist, riet der Oldenburgerin, sich mit ihrem Problem bei Dr. Yasser Abdalla, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik am NWK, vorzustellen.
Das erwies sich letztlich als der richtige Weg: Der erfahrene Neurochirurg hatte ihr nach Abwägung aller Risiken zu einer Operation geraten und nahm den komplizierten Eingriff in einer zweieinhalbstündigen Operation schließlich im vorigen November auch selbst vor – ohne bleibende Schäden.
Der Tibialis- oder Schienbeinnerv versorgt die Muskulatur an der Beugeseite des Unterschenkels und die Muskeln der Fußsohle, erklärt Dr. Abdalla. Man könne diesen Körpernerv mit einem elektrischen Kabel vergleichen: Im Inneren leiten Nervenfasern Reize in winzigen Stromimpulsen weiter. Und wie bei einem Kabel sei der Nerv von einer Isolierung umgeben. Aus dieser Schutzhülle können Nerventumore entstehen.
Gefahren abgewogen
„Die wenigsten Tumore der peripheren Nerven entarten. Aber ein Zweifel bleibt immer“, sagt Abdalla. Deshalb habe er genau überlegt, ob er den komplizierten Eingriff wagen solle. „Die Patientin ist noch jung. Deshalb erschien mir das Risiko überschaubar“, so der Neurochirurg.
Diese Entscheidung hat sich als richtig erwiesen. Denn bei der labortechnischen Untersuchung des Tumors hat sich herausgestellt, dass es sich um ein sehr seltenes und noch gutartiges Sarkom handelte. „Die Gefahr in der die Patientin schwebte, war größer als vermutet“, so Yasser Abdalla. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre die Geschwulst weiter gewachsen, entartet und hätte Metastasen gebildet.“
Heute kann Sonja Fabich wieder lachen und unbeschwert Pläne schmieden. Die Oldenburgerin, die als kaufmännische Angestellte in Bremen arbeitet, hat mit ihrer Erkrankung ganz bewusst den Weg in die Öffentlichkeit gewählt, „um anderen Menschen Mut zu machen, nicht so schnell aufzugeben“.
Angst, dass die Geschwulst wiederkommt, hat die 34-Jährige nicht. „Das muss sie auch nicht“, sagt Abdalla, „diese Möglichkeit ist nach der vollständigen Entfernung des Tumors extrem gering.“
