SANDKRUG - Karl-Heinz Pelster zieht sein linkes Hosenbein hoch. Über einem Fuß im klobigen Arbeitsschuh kommt eine Wade zum Vorschein, die von roten Striemen und schorfigen Stellen übersät ist. „Die Brombeerbüsche“, sagt der Förster und zuckt mit den Schultern.
Der Arbeitsplatz des Leiters der Revierförsterei Sandkrug (Kreis Oldenburg) liegt heute zwischen hochgewachsenen Douglasien. Immer wieder schweift sein Blick nach oben in die Baumkronen. „Der Dicke muss weg. Der nimmt dem anderen den Platz weg“, sagt er.
Der Baum, dessen Todesurteil soeben gesprochen wurde, ist ebenso mächtig wie sein Gegenüber, aber er sieht struppiger aus. Kleine Ästchen zieren seinen Stamm. Der auserwählte Baum dagegen ist bis auf eine Höhe von zwölf Metern von Ästen befreit. „Geastet“ nennt Pelster das. Holz mit Astlöchern bringt weniger Geld ein. Pelster hebt den Arm mit der Sprühdose und markiert den Stamm. Die Fäden eines Spinnennetzes schimmern jetzt in zartem Neonpink.
Pink bedeutet Ernte
Jeder Revierförster, erklärt Pelster, hat seine eigene „Sprache“. Pink bedeutet bei ihm: Ernten. Weiß markiert die Einfahrtschneise für den „Harvester“, die vollautomatische Erntemaschine, die im Dezember vorfährt. „Das, was ich an einem Vormittag markiere, erntet die Maschine an einem Tag“, verdeutlicht er die Effektivität der modernen Technologie. Ab und zu vergibt er auch ein „H“. Der steht für Habitatbaum – meist sind das alte Bäume, die vielen Tieren Wohnraum bieten, und nicht gefällt werden dürfen. Und dann gibt es noch das „A“. „Das bedeutet ,Ameisenhaufen’. Diese sind im Winter oft nicht sichtbar und könnten von herabfallenden Stämmen zerstört werden.
Der Zickzackkurs des Revierförsters durch den Forst Tüdick in der Gemeinde Wardenburg ist ein Spießrutenlauf. Ein Eichenstämmchen wächst zwischen zwei Douglasien empor. Der 55-Jährige markiert die beiden Nadelbäume rot. „Auf einem Laubbaum leben 800 Arten, auf einer Kiefer nur 150“, sagt er. In erster Linie muss er Holz verkaufen, aber der Naturschutz ist ihm wichtig.
Dass Naturschützer mit Förstern und Jägern im Clinch liegen, sei heute vorbei. „Alles, was heute Naturschutzgebiet ist, wurde von Förstern durch nachhaltiges Wirtschaften dazu gemacht.“ Früher seien nicht weniger Bäume gefällt worden, als heute. „Vor hundert Jahren waren die Bereiche kleiner, dafür wurde Kahlschlag gemacht. Heute nehmen wir nicht alle Bäume raus, aber die Flächen sind größer“, erklärt er.
Das trifft auch auf das malerische Stückchen Wald zu, das Pelster gerade mit der Sprühdose „durchforstet“. „Vor hundert Jahren war das hier ein Truppenübungsplatz für die Dragoner“, weiß er. Vor 38 Jahren wurde die Fläche mit Douglasien bestückt und wird seitdem bewirtschaftet.
Inventur alle zehn Jahre
Ganz eigener Herr ist Pelster in seinen Entscheidungen nicht. Alle zehn Jahre findet die Inventur statt. Der „Einrichter“ vom Forstplanungsamt nimmt sich ein halbes Jahr Zeit, um den Wald im Revier zu begutachten – es ist über 2000 Hektar groß. Er entscheidet, wie viele und wo Bäume gefällt werden. Wenn er in zehn Jahren wiederkommt, muss Pelster die vorgeschriebene Menge geerntet haben.
Den Förster aus dem Bilderbuch gibt es nicht mehr. In der modernen Welt haben sich die Aufgabenbereiche geändert: Förster sind Pädagogen, Waldökologen, Naturschützer, Spezialisten für Forstmaschinen oder aber auch Pressesprecher.
„Wir haben insgesamt 1300 Mitarbeiter bei den niedersächsischen Landesforsten – natürlich sind das nicht nur Förster“, erzählt einer von fünf Regionalen Pressesprechern in Niedersachsen, Reiner Baumgart. Er versorgt die Öffentlichkeit mit Informationen. „Täglich wachsen in den unseren Landesforsten 6000 m³ Holz auf einer Fläche von 340 000 Hektar Land“, weiß er.
Vom Staatsbetrieb zum Unternehmen hieß es im Jahre 2005 für die Landesforsten. Die Landesregierung verkaufte zur Haushaltssanierung Teile des Staatswaldes. Die Zahl der Revierförstereien wurde im Zuge der Reform von 45 auf 26, die der Reviere von 340 auf 274 reduziert, Personal wurde abgebaut.
„Wir müssen wirtschaften, wie jeder andere Betrieb auch“, sagt Pelster. Zahlreiche Aspekte muss er beachten, um das Ökosystem Wald aufrecht zu erhalten. Auch die Jagd gehört dazu. Wie komplex die Bewahrung seltener Arten ist, verdeutlicht er an einem Beispiel. „Der Schwarzspecht braucht einen Stamm, der auch noch in zehn Metern Höhe relativ dick ist“, erklärt er. Fehlt der Schwarzspecht, können auch Dohle, Star oder andere Spechtarten nicht nisten, da sie die Behausung als Nachmieter nutzen.
Der Mann mit den kurzen dunklen Haaren, dessen Rauhaardackelhündin „Olli“ stets auf ihn hört, ist seit 27 Jahren Revierförster in Sandkrug. Auch wenn Förster früher nicht sein Traumberuf war, nimmt er seine Aufgaben sehr ernst. „Wenn ich in Rente gehe möchte ich, dass mein Nachfolger hier steht und sagt: ,Boah’. Was ich tue, tue ich für den Wald“, sagt er.
Waldpädagogik für Kinder
Ein paar hundert Meter von der Revierförsterei entfernt hört man Kinderstimmen. Schüler der 7. Klasse der Graf-Anton-Günther-Schule Oldenburg erleben einen Tag im Wald. Im Kreis sitzen sie unter den Bäumen und warten auf ihre Aufgabe. Mit mindestens fünf verschiedenen Materialien sollen sie eine Hülle für ein rohes Ei basteln. Später soll man es von einem Hochsitz werfen können, ohne dass es zerbricht.
Auch das macht ein Förster: Waldpädagoge für den nördlichen Weser-Ems-Raum, Lutz Petershagen, bringt Jugendlichen Naturphänomene näher.
Und noch etwas ist neu in der Arbeitswelt des Försters. Der silbrig-grüne Wagen von Karl-Heinz Pelster biegt ins Waldgebiet Neu-Osenberge ab. Auf einer grünen Anhöhe sind kleine runde Schilder aus Naturholz in den Boden gesteckt. „Anton“ steht darauf, „Benny“ oder „Katze“. Hier stellen die Landesforsten Gräber für Haustiere zur Verfügung.
Der Revierförster von Sandkrug hat seine Arbeit unter freiem Himmel für heute abgeschlossen. „40 Prozent meiner Arbeit findet am Schreibtisch statt“, sagt er. Er blickt herunter auf seine Hündin Olli, und sie blickt zu ihm hoch. Sie ist erst vier Jahre alt. Und doch ist sie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Eines, das bis heute geblieben ist.
