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Gesellschaft Bauern sorgen sich um Platz in der Mitte


Wollen sich nicht an den Rand drängen lassen:  Landwirte aus dem Raum Sandkrug/Hatterwüsting mit (von rechts) Heide Behrens, Carsten Harings, Bernhard Wolff und Bürgermeister Christian Pundt
Stefan Idel

Wollen sich nicht an den Rand drängen lassen: Landwirte aus dem Raum Sandkrug/Hatterwüsting mit (von rechts) Heide Behrens, Carsten Harings, Bernhard Wolff und Bürgermeister Christian Pundt

Stefan Idel

Sandkrug/Huntlosen - Die Stimmung bei den landwirtschaftlichen Familienbetrieben ist im Keller: Große Einzelhandelsketten diktieren die Preise. Finanzielle Sorgen belasten das Familienleben. Die Rahmenbedingungen werden immer schlechter und die Bürokratie wächst weiter. Hinzu kommt eine sinkende gesellschaftliche Akzeptanz. Zunehmend würden Fälle von Mobbing gegen Kinder aus bäuerlichen Familien bekannt. Die Betriebe seien bemüht, alles richtig zu machen. Aus Sicht großer Teile der Gesellschaft machten die Bauern aber alles falsch, meint eine Landfrau aus Sandkrug.

Angesichts der zunehmend emotional geführten Debatte um Lebensmittelproduktion und Tierhaltung haben sich Landwirte aus dem Raum Sandkrug/Hatterwüsting zusammengeschlossen, um mehr Verständnis für ihre Situation einzufordern. Vertreter von acht Familien schilderten am Dienstag im „Grünen Zentrum“ in Huntlosen, wie ihnen eine zum Teil aggressive Stimmung entgegenschwappe – auch, nachdem Pläne für ein Bauvorhaben nach Bio-Standard für 18 000 Legehennen am Ortsrand von Sandkrug öffentlich wurden. Zunehmend entstehe der Eindruck, die Bauern sollten aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden.

Die Landwirte betonten, sie suchen den Dialog mit dem Verbraucher – sachlich, fair, transparent und auf Augenhöhe. Leider werde eine Debatte über eine Berufsgruppe geführt, ohne diese einzubeziehen, meinte Bernhard Wolff, der Geschäftsführer des Kreislandvolkverbandes. Das führe auch zu Frust unter dem gut ausgebildeten und engagierten landwirtschaftlichen Nachwuchs.

Die Familienbetriebe wollten hochwertige Lebensmittel produzieren, erklärte Heide Behrens, die Vorsitzende des Kreislandfrauenverbandes. Sie warnte davor, ökologisch und konventionell arbeitende Betrieben gegeneinander auszuspielen. Die Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln werde genau dokumentiert. Der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast sinke. Doch leider habe eine Entfremdung stattgefunden. Viele Verbraucher hätten kaum noch einen direkten Bezug zur Landwirtschaft; sie bildeten sich eine Meinung vom Hörensagen. Maren Meyer vom Landfrauenverband Weser-Ems wies auf die Wertschöpfung in der Region hin: Jeder dritte Arbeitsplatz hänge von der Landwirtschaft ab. „Ohne Landwirte geht es nicht.“

Landwirt noch im Ort

Viele Landwirte seien in ihrer Existenz bedroht, klagte Hattens Bürgermeister Christian Pundt. Er rief die Kritiker auf, einen fairen und ehrlichen Dialog mit der Landwirtschaft zu führen. „Wir müssen mehr miteinander diskutieren, statt übereinander zu sprechen“, sagte Pundt. Wenn die Verbraucher von den Landwirten eine Umstellung der Lebensmittelproduktion forderten, müssten sie auch bereit sein, dafür zu bezahlen. Derzeit geben die Deutschen im Schnitt zehn Prozent ihre Einkommens für Lebensmittel aus. In anderen Ländern seien es 20 bis 25 Prozent.

Verständnis für die heutige Bewirtschaftungsform versuchte auch Landrat Carsten Harings zu wecken. Die Landwirte öffneten ihre Höfe und seien bereit zum Dialog, doch leider würden die Verbraucher nicht beim „Bauern vor Ort“ nachfragen. Der Idee der bäuerlichen Betriebe, mit ihren Sorgen an die Öffentlichkeit zu gehen, sei richtig. Sie stünden stellvertretend für die Debatte, die im gesamten Landkreis Oldenburg geführt werde. Probleme wie Grundwasserschutz und Tierwohl seien nur im Dialog zu lösen.

Auch Pundt sprach von einem „starken Signal“ der Sandkruger Landwirte. Er setzt sich seit langem für einen Runden Tisch mit Vertretern der Landwirte und der Sandkruger Bürgerinitiative gegen Massentierhaltung ein.

Scharf verurteilte der Landrat die Diskussionskultur. Insbesondere in den „unsozialen Medien“, wie Harings Facebook und Co. nannte, sei ein respektvoller Umgang nicht zu erkennen. Zynismus und Mobbing, sogar gegenüber Kindern, hätten stark zugenommen. Viele hätten offenkundig vergessen, dass es hier um Menschen gehe und um Familien, die von den Einnahmen aus de Landwirtschaft leben müssten. Wenn dann noch Begriffe wie „Hühner-KZ“ fielen und Landwirte in die Nähe der Machenschaften der NS-Schergen gerückt würden, sei die Grenze des Erträglichen längst überschritten.

Der Landrat appellierte an die Verbraucher, mehr Geld für hochwertige Lebensmittel auszugeben, wenn sie andere Haltungsformen wünschten. Harings: „Geiz ist uncool.“

„Ganz viel Herzblut“

Die Vertreter der Familienbetriebe zeigten sich angetan von dem Rückenwind aus Politik und Verwaltung. Sie seien weiter zum Dialog mit den Verbrauchern bereit, forderten aber einen fairen Umgang miteinander ein. Die Betriebe seien über Generationen im Sandkruger Raum ansässig. Sie führten ihre Höfe „sorgfältig, mit Leidenschaft und ganz viel Herzblut“. „Wir wollen weiterhin der liebe und nette Bauer von nebenan bleiben“, sprach Elke Backhus vielen aus dem Herzen; denn Landwirtschaft sei für sie nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent
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