SARVE - Für Nicole Ruhnow klingelt der Wecker morgens um 6 Uhr. Als erstes füttert die 24-Jährige ihre beiden Nymphensittiche. Das gemeinsame Frühstück mit ihren Mitbewohnern, dem 65-jährigen Fritz Meyer und der 48-jährigen Heidrun Oetken, gehört zur lieb gewonnenen Routine, bevor um 7.20 Uhr der Bus vor der Tür hält und sie zur Arbeit bringt. So wie für Nicole Ruhnow der Tag beginnt, so beginnt er für viele andere Menschen auch. Nichts Besonderes. Dabei lebt die 24-Jährige in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Und weil vielen kaum bekannt ist, wie ein solches Leben aussieht, halten sich hartnäckig Vorurteile darüber, dass diese Menschen untergebracht sind wie in Ghettos, ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben.
Im CVJM-Wohnheim an der Sarver Straße hat Nicole Ruhnow ihr Zuhause gemeinsam mit 23 anderen Bewohnern, die in fünf verschiedenen Wohngruppen leben. Fünf Betreuer sind dort beschäftigt. Sie unterstützen die Männer und Frauen zwischen 19 und 68 Jahren bei der Alltagsbewältigung.
Der Geschäftsführer des CVJM-Sozialwerks Wesermarsch, Jürgen Lahode, nimmt den „Monat der Diakonie“ zum Anlass, um Vorurteile über das Leben der Behinderten in den Wohnheimen geradezurücken. „Es hat sich viel verändert in den vergangenen Jahrzehnten“, sagt er. Noch vor 30 Jahren sei die Unterbringung in Vier- oder Sechsbett-Zimmern nicht unüblich gewesen. Im Wohnheim an der Sarver Straße hat jeder sein eigenes Reich. Nicole Ruhnow kann ein- und ausgehen wie sie möchte, sich aufs Fahrrad setzen, Geld von der Bank holen, in die Stadt gehen. Es gibt keinen, der ihr vorschreibt, wann sie zu Hause sein muss. „Es wäre aber schön, wenn die Bewohner morgens pünktlich zur Arbeit kommen“, sagt der Hausleiter Torsten Voiss.
Natürlich entscheiden die Kompetenzen der Bewohner darüber, welchen Grad der Betreuung sie bekommen. „Die Forderung, dass die behinderten Menschen grundsätzlich in Selbstständigkeit leben sollten, hält Jürgen Lahode für völlig überzogen. Aber den Bewohnern den Weg in ein möglichst selbstständiges Leben zu ebnen, ist das Ziel seiner Einrichtung, sagt Torsten Voiss. Deshalb gibt es verschiedene Wohnformen für die Behinderten – bis hin zur mobilen Betreuung, wo die Menschen ein weitgehend eigenständiges Leben führen können. Dort schaut regelmäßig ein Betreuer nach dem Rechten.
Zu denen, die irgendwann für eine mobile Betreuung in Frage kommen könnten, gehört auch Nicole Ruhnow. Für die 24-Jährige ist das ein Ziel. „Aber ich mache mir auch Sorgen. Strom, Gas, alles wird teurer. Da habe ich Angst, in die Schuldenfalle zu geraten.“ Dabei gilt Nicole Ruhnow, die in der Schleiferei der CVJM-Werkstätten am Helgoländer Damm arbeitet, als sparsam. „Ich gebe selten mehr als 100 Euro im Monat aus“, sagt sie. Auch der Ordnungssinn der 24-Jährigen ist berüchtigt – jedenfalls bei Fritz Meyer. „Wenn die Küche nicht ganz so sauber ist, dann gibt’s schon mal Ärger mit Nicole“, berichtet der 65-Jährige.
Dass die Behinderten nicht über sich selbst bestimmen können, dass sie der Einrichtung und den Kostenträgern ausgeliefert sind, ist nach Meinung von Jürgen Lahode auch so ein weit verbreitetes Klischee. Nicole Ruhnow kann das nicht bestätigen. Sie gestaltet ihre Freizeit auf eigene Faust, trifft sich mit ihrem Verlobten, der ebenfalls in der Einrichtung lebt, kann jederzeit Besuch empfangen. Und sie plant bereits jetzt mit anderen Bewohnern den nächsten Urlaub.
176 Behinderte in zehn Wohnheimen
Das CVJM-Sozialwerk
Wesermarsch unterhält im Landkreis zehn Wohnheime, in denen 176 Männer und Frauen leben. Außerdem nehmen 21 behinderte Menschen die mobile Betreuung in Anspruch.Die Wohnform
und der Betreuungsanteil richten sich nach der Hilfsbedarfsbemessung, die in fünf Stufen eingeteilt ist. Im Wohnheim an der Sarver Straße leben Menschen mit eher niedrigem Betreuungsbedarf. In den Fördergruppen in Einswarden beispielsweise ist der Betreuungsbedarf relativ hoch.Der Monat der Diakonie
findet bundesweit einmal im Jahr statt. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto „Behinderte mitten im Leben“.176 Behinderte in zehn Wohnheimen
