SCHIERBROK - Wenn die gut 30 Stenumer Bauern, die sich anno 1884 im Gasthof Lüschen versammelt hatten, nicht so stur gewesen wären – wer weiß, ob es die Nutzhorner Landstraße in der heutigen Form überhaupt gäbe. Denn der Amtsvorsteher wollte seinerzeit eigentlich eine Chaussee von Grüppenbühren II (heute Bookholzberg) über Schönemoor und Hasbergen gen Bremen bauen. Die Bevölkerung verlangte aber eine bessere Anbindung nach Delmenhorst – und fand damit Gehör: So schildert Heimatchronist Kurt Müsegades in seinem Buch über Stenum, Rethorn und Schierbrok die „Geburtsstunde“ der Nutzhorner Landstraße.
Was heute die zentrale Ost-West-Achse in Schierbrok ist, war nämlich bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht viel mehr als die Zufahrt zum Gut Nutzhorn. Dort sprach man vom „Delmenhorster Weg“ – in umgekehrter Richtung war meistens vom Nutzhorner Postweg die Rede. Erst als das Gut seine feudale Position nach und nach verlor, gewann die Straße an Bedeutung für das Dorf.
1150 Meter innerorts
Noch als Adolf Scetaric ein Kind war, in den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts, standen auf der nördlichen Seite der Nutzhorner Landstraße gar keine Häuser – heute ist die Straße auf den rund 1150 Metern, die sie innerorts verläuft, zu beiden Seiten nahezu komplett bebaut. Die meisten Häuser sind erst Mitte der Siebziger entstanden. Adolf Scetaric ist inzwischen 72 und leidet ein bisschen unter dem Verkehrslärm, den die Straße erzeugt. „Was glauben Sie, warum ich die Hecke hab“, schmunzelt er beim Scheren derselben. „Vor allem nachts rasen die Autos ganz schön hier durch.“
Andere wiederum profitieren vom Verkehr. Wie Jan Schweers, der an der Nutzhorner Landstraße die einzige Tankstelle weit und breit betreibt, die mit Kfz-Werkstatt, Rasenmäherhandel und Poststelle zugleich eine wichtige Dienstleistungs-Adresse ist. Oder wie Jutta Detken, die mit Ehemann Ralf und Sohn André an der Nutzhorner Landstraße „Das kleine Küchenstudio“ führt. „Die Lage ist einfach ideal hier“, sagt sie und meint damit vor allem die „nur fünf Minuten bis zur Autobahn.“ Laufkundschaft von der Nutzhorner Landstraße hat sie hingegen weniger. „80 bis 90 Prozent der Kunden kommen auf Empfehlung zu uns“, weiß sie Firmenchefin.
Wo heute Küchen verkauft werden, befand sich bis vor 20 Jahren ein kleiner Edeka-Laden. Erna Janzen kümmerte sich hier um die Grundversorgung des Dorfes, als es den Supermarkt ein paar hundert Meter weiter am Schierbroker Mühlenweg noch nicht gab. Die Nutzhorner Landstraße war in früheren Jahrzehnten fast so etwas wie eine „Geschäftsstraße“: Vom Kolonialwarenhandel Cording weiß die Gästeführerin Erika Roselius zu berichten, die sich in Schierbrok und Stenum auskennt wie wohl niemand sonst. „Die hatten da fast alles“, erinnert sie sich an das Geschäft, das bis 1972 existierte – heute ist das Gebäude ein Wohnhaus.
Kurve wurde entschärft
Erika Roselius kennt auch noch die scharfe Kurve der Nutzhorner Straße, die einst von Osten her fast im 90-Grad-Winkel in den Ort führte und regelmäßig Autos aus der Bahn warf. Heute indes kommen Autofahrer in sanftem Schwung aus Richtung Delmenhorst nach Schierbrok hinein. Sie müssen dabei nicht wissen, dass sie zwischen Buschhagen und Sahren über jenen Abschnitt der Nutzhorner Landstraße fahren, der 1888 als erstes Teilstück gepflastert wurde. Dieser Bereich gehörte nämlich zur Gemeinde Schönemoor, während die Straße weiter östlich und westlich über Ganderkeseer Gebiet verlief – dort begann die Pflasterung laut Kurt Müsegades erst 1909. Und 1926 folgte erstmals eine Asphaltdecke. Das alles hatten die Schierbroker – und haben sie noch heute – in erster Linie 30 kämpferischen Bauern zu verdanken.
