Schortens - Mit dem Ochsenkarren und zu Fuß, im Viehwaggon mit der Eisenbahn, auf dem Motorrad, auf einem klapprigen Fahrrad oder vorn in der Lokomotive: Günter Schrader gehört zu den vielen tausend Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer schlesischen Heimat vertrieben wurden und nach abenteuerlicher langer Reise und Umwegen in Friesland und Wilhelmshaven ankamen.
Heute ist er 85 Jahre alt, verwitwet, und er gehört vermutlich zu den letzen Zeitzeugen, die von Flucht und Vertreibung und vom Neuanfang im damals fremden Friesland berichten können. Auf Einladung des Heimatvereins Schortens erzählte Schrader seine Geschichte im „Friesenhof“.
Günter Schrader stammt aus Brieg. Die Stadt an der Oder ist heute polnisch und liegt auf halber Strecke zwischen Dresden und Krakau. Schrader war knapp zehn Jahre alt, als er seine Heimatstadt wenige Tage vor Kriegsende Hals über Kopf verlassen musste und mit dem Ochsenkarren und Angehörigen zunächst nach Königswalde ins Sudetenland (heute Tschechien) trekkte. Er erinnert sich an Tage im Versteck im Wald, an die Kunde vom Waffenstillstand und die kurzfristige Rückkehr nach Brieg. Unterwegs bekamen die Ochsen Maul- und Klauenseuche.
Bald darauf wurden Schrader und seine Familie von den Polen vertrieben, der damals Zehnjährige landete per Viehtransport mit Tante und Großeltern in Gotha. „Dort konnte ich noch ein Jahr zur Schule gehen und wurde nach der 5. Klasse entlassen“, so Schrader. Er habe nie einen Schulabschluss machen oder einen richtigen Beruf erlernen können. Über einen verwandtschaftlichen Kontakt kam der Jugendliche in den Westen und von dort später zu seiner Pflegemutter nach Wilhelmshaven.
„Ich habe nichts gelernt und war mir für nichts zu schade“ sagt Schrader. Er arbeitete in der Landwirtschaft und in der Industrie, im Tiefbau und in einer Ziegelei, war Friedhofsgärtner, Pförtner, Kurier und Fahrer vom Dienst. Er schuftete in Wilhelmshaven und Friesland, sogar in Wuppertal. Und als er die Chance auf eine gute Arbeitsstelle in Wilhelmshaven hatte, weil er als fleißiger junger Mann seinem Chef aufgefallen war, gab es Ärger mit dem Arbeitsamt: „Der kann sich seine Arbeit doch nicht selbst aussuchen, dafür sind wir doch da.“ Er fing im Rathaus in Wilhelmshaven an, wo er viele Jahre blieb, erst die Poststelle verantwortete, später ins Archiv wechselte, wo er bis zum Renteneintritt blieb.
Viele Jahre lebt er schon in Schortens. Zweimal hat er mit Freunden und Verwandten Brieg besucht. „Es war fast wie früher. Wenn man wieder dort ist, spürt man: Das ist einfach meine Heimat.“
