Emsbüren - Seit dem 2. Juli herrscht rund um den Ortsteil Ahlde in Emsbüren (Emsland) bei 296 Schweinehaltern mit rund 200.000 Schweinen Chaos. Mit der Afrikanischen Schweinepest (ASP), dem ersten niedersächsischen Fall und der fünften bundesdeutschen Infektion in einem Hausschweinebestand gab es einen „Super-Gau“.
Die Veterinäre und die Landvolkverbände hatten zwar seit Jahren einige Seuchenübungen abgehalten, sich zwar um viele Details aber um eines nicht gekümmert: Wer schlachtet die Schweine beim Auftreten der ASP?
Es kam, wie es kommen musste. Die Schlachtunternehmen hatten Angst um ihre Ausfuhrlizenz. Exporte seien gefährdet, wenn sie Schweine aus dem Restriktionsgebiet – obwohl mehrfach getestet und untersucht – abnahmen. Die gleichen Probleme gab es auch schon in anderen Bundesländern wie Brandenburg und Baden-Württemberg. In Mecklenburg-Vorpommern hatte Agrarminister Till Backhaus sogar eine Verkürzung der dreimonatigen Sperrfrist in der Schweinepest-Zone um einen Monat erreicht. Aber die Tierärzte der EU wollten keine erneute Ausnahme, da es auch aus anderen Staaten – u. a. Litauen, Lettland, Polen - eifersüchtige Kritik gegeben habe.
Schweine immer dicker
Letztlich waren nur einige kleinere Schlachter bereit, Tiere aus der Sperrzone rund um Emsbüren zu schlachten. 7000 Schweine wurden dort pro Woche schlachtreif; höchstens 3000 schließlich geschlachtet. Insgesamt sind in zehn Wochen dann nur 17.000 Schweine geschlachtet worden. Der Schweine-Stau wurde immer länger. Das hat auch zur Folge, dass die Schweine immer dicker wurden. Normalerweise haben schlachtreife Schweine ein Gewicht von etwa 120 Kilogramm. Jetzt wiegen die Tiere aber bis zu 170 Kilo. Da die Schweine auch erhitzt werden mussten, hatten sie überdies nur geringe Verwertungsmöglichkeiten, beispielsweise in verschiedene Wurstsorten. Resultat: Die Bauern erhielten kein Geld für ihre überschweren Schweine. Eine Nottötung wiederum hatte der Landkreis abgelehnt, obwohl es im Emsland Wasenplätze gibt.
Jetzt wollen die Emsbürener Schweinemäster warten. Bis zum 6. Oktober. Denn ab dann können Schweine aus Restriktionsgebieten nach der am 2. Juli aufgetretenen Afrikanischen Schweinepest wieder normal geschlachtet werden, da die Einschränkungen dann aufgehoben werden. Markus Scheffer, Leiter der Mastschweinevermarktung bei der EG Lingen, meinte, sieht die Frist sogar etwa kürzer. „Höchstens bis zum 4. Oktober“. Egal, die Landwirte erhalten dann wieder Geld für ihre Schweine. Für diese Lösung kämpfte auch Hermann Hermeling, zugleich betroffener Sauenhalter aus Salzbergen und Vizepräsident der Landwirtschaftskammer in Oldenburg. „Licht am Horizont“ sieht er einigermaßen glücklich.
Zwar können nur wenige Schlachtbetriebe die schwereren Schweine schlachten und verwerten. Aber sie müssen nicht mehr erhitzt und können exportiert werden, beispielsweise nach Italien, wo sie für die Schinkenproduktion begehrt sind. Auch in Polen gibt es Interesse.
„Besser als nix“
Die Bauern erhalten allerdings deutlich weniger für die fetten Schweine, „aber besser als nix“, wie ein Mäster sagte. Außerdem akzeptieren die Ertragsschadenversicherer keine Abrechnungen mit Null-Euro-Erlös mehr. Den vollen Preis gibt es üblicherweise bei 96 kg Schlachtgewicht (im Moment 2,10 Euro/kg). Alles, was drunter und drüber ist, wird mit Abzügen versehen: jedes Kilo mehr als drei Cent. Allerdings: Den Schlachtsauenpreis – im Moment 1,27 Euro/kg – bekommen die Schweinebauern immer. Ab 6. Oktober bekommen sie also rund 83 Cent/kg weniger. „Wir hoffen, dass die Schlachter noch ein paar Cent drauflegen“, meinen Scheffer und Hermeling. Bei 170 Kilo wären das immerhin 140 Euro Differenz pro Schwein. „Ein bisschen viel“. Und die Bauern mussten die Schweine deutlich länger füttern als normal – aber „immerhin ist das mehr als nix“.
Allerdings wartet dann schon das nächste Problem: Ab 6. Oktober könnten dann 143.000 Tiere - davon 67.000 überschwer - sofort geschlachtet werden. Rangeleien um die ersten Ablieferungen sind dann quasi programmiert. Erzeugergemeinschaften im Rheinland und Westfalen warnen schon vor „Emsland-Tagen“ in den Schlachtbetrieben.
