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Handel Secondhand ist die erste Wahl

Lea Bernsmann

Oldenburg - „Kannste die kriegen?“ Ein hagerer Jüngling schiebt etwas Handgeschriebenes über den Tresen. „Jou“, murmelt Akka Beckmann, inspiziert die Wunschliste, „ich ruf’ dich an“ und lotst einen bärtigen Altachtundsechziger auf der Suche nach Jazz in seine Schatzkammer im Hinterzimmer, wo sich musikalische Raritäten bis unter die Decke stapeln. „Ich komm’ extra aus Dortmund, weil’s hier alles gibt“, sagt der Jazzer beseelt. Akka Beckmann lacht. Und legt eine Platte auf. Nie die gleiche.

30 000 hat der Scheibenkleister-Inhaber zur Auswahl in seinem Musiksecondhand-Shop. Dazu kommen 5000 CDs. Das ist neu. Relativ. „Angefangen haben wir in einem 25-Quadratmeterschuppen“, sagt der Oldenburger. 31 Jahre ist das her und Vinyl war noch erste Wahl. „Damals sind wir regelmäßig nach London gefahren und haben Nachschub besorgt“, sagt der 58-Jährige. Doch das Mekka der Musikpilger hat sich verändert: „Nach und nach haben die ganzen Platten-Secondhands da dicht gemacht – liegt sicher auch am World Wide Web“, sagt der Oldenburger. Ihm bereitet das Internet keine Sorgen – er nutzt es selbst zum Bestellen von ausgefallenen Scheiben.

Abba und Armani

Vertrauensvoll lassen seine Kunden das von ihm erledigen, andere würden sich auch bei Amazon und Ebay umsehen, vieles aber im Laden an der Donnerschweer Straße finden: „Ich hab hier alles von Abba bis Zappa, Soundtracks, Funk, Soul, Punk, Grunge.“ Alphabetisch sortiert – wie im heimischen Plattenregal. Da lagert der 58-Jährige einige tausend Exemplare. Was seine Kunden – einige seit den Anfangstagen – immer wieder herzieht, sei die Entdeckungsreise: „Sehen und haben wollen“, sagt Akka Beckmann.

Geliefert werden die Objekte der Begierde nicht nur auf Bestellung: „Vieles bringen Privatleute her. Manche kriegen Geld, andere tauschen gegen Alben, die hier stehen“, sagt der Oldenburger. Alles nimmt er längst nicht: „Chris de Burgh oder Toto will kein Mensch mehr haben“, sagt er – auch in diesem Geschäft, müsse man mit der Zeit gehen. „Die Kids stehen auf Doors und Led Zeppelin – was mit den weniger coolen Rockscheiben meiner Generation passiert, werd’ ich sehen.“ Beklagenswert seien die Zeiten allerdings nicht. Er spricht von einer Nostalgiewelle – „seit fünf Jahren werden wieder Platten gepresst.“ Die Geschichte mit dem Onlinegeschäft klingt nach der Eingewöhnungsphase auch nicht so übel – schlimmstenfalls wie neue Musikstile: „Erstmal kreuz und quer – bis es ins Ohr geht“, sagt Akka Beckmann.

Ein passendes Outfit zum Soundtrack der wilden Siebziger hat Silke Mosebach auf Lager: „Schrill, bunt, ungewöhnlich“, sagt die Oldenburgerin, nippt am Kaffee aus dem Sixties-Blümchenglas und setzt sich auf einen Flokatisessel. Im Secondhand-Shop „Anziehbar“ gibt es nicht nur Miniröcke, Maxipullis, Cowboystiefel und Plateaupumps – auch Nierentische, Barbiepuppen, bunte Vasen, Plastikperlenohrringe und Klönatmosphäre. „Die Leute kommen zum Schnacken und Stöbern“, sagt die Inhaberin. Wochenmarktkunden, Anwohner, manche von weit her – andere immer wieder. „Ich bin zufrieden. Und glücklich, jeden Tag die Ladentür zu öffnen“, sagt die 48-Jährige. „Secondhands gibt’s ja viele in der Stadt – aber irgendwie hat jeder seine Nische gefunden.“ Ihre ist aus einem Hobbyprojekt entstanden. Vor 14 Jahren hat sie dann den Laden an der Ziegelhofstraße eröffnet. Von dem, was ihr angeboten wird, behält sie das Außergewöhnliche: Jacken von Armani, Röcke von H&M, Schuhe von Oma. „Durch die ganzen Ketten gibt es nichts Ungewöhnliches mehr.“ Secondhands, sagt Silke Mosebach, würden einen Boom erleben – synchron mit dem Bio- und Fairtradetrend. „Das Internet?“ – sie hebt die Schultern, „mag sein, dass viele vorm Computer hängen und shoppen. Hier kann man alles anfassen und entdecken“. In einer schrill-bunten Zeitkapsel.


Preiskampf und Promis

„Wie Weihnachten“ ist auch Angelika Schneidts Job: Fast täglich bringen Oldenburger der Ophelia-Inhaberin kistenweise Mode. Trenchcoats, Blazer, Ballkleider, Abendroben, Täschchen, Highheels, Pettycoats und Dirndl schaffen es in die Regale. „Ich wähle immer nach Gefühl aus“, sagt die 62-Jährige. Übernommen hat sie das seit 30 Jahren bestehende Geschäft vor drei Jahren – bei ihrer Rückkehr von München nach Oldenburg. In der bayrischen Hauptstadt hat sie Secondhandshops lieben gelernt. Mittlerweile hat die Technische Zeichnerin zwei Mitarbeiterinnen und viele Stammkunden – die meisten mittleren Alters. „Junge Mädchen kommen, wenn sie was für den Abiball oder Konfirmationen suchen“, sagt sie.

Mit Trachtenkleidung versucht die Ex-Münchenerin es immer wieder, gekauft wird die zu ihrem Bedauern aber nur für Firmenfeiern. Lieber noch als Oktoberfestfreunde würde sie mehr junge Kunden bedienen wollen – aber die gehen ins Internet. „Dagegen kann ich nicht punkten. Aber ich lasse mit mir verhandeln“, sagt sie. Während die Damenwelt feilscht, dürfen geduldige Begleiter es sich auf einem der Korbstühle bequem machen. Zu lesen gibt es Gala, Bunte und ADAC-Magazine. „Wobei die Männer gerne Promiklatsch lesen“, sagt Schneidt – und dann fällt ihr doch ein Ass ein, mit dem sie die Onlinekonkurrenz übertrumpfen kann: „Das hier hat Flair.“

Akka Beckmann würde sagen: Groove. Von einer Begegnung erzählt der Scheibenkleister-Inhaber, während sich sein Altachtundsechziger-Kunde durch das Hinterzimmer wühlt: „Neulich war ein Holländer hier und hat ewig gestöbert, bis er mir ein Album unter die Nase gehalten hat – mit einem Bild von sich auf dem Cover. Danach habe er seit 30 Jahren gesucht.“ Akka Beckmann kriegt sie eben alle.

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