SEDELSBERG - Vier Tierschutzfälle in drei Tagen. Selbst für diejenigen, die daran gewöhnt sind, darbende Tiere zu pflegen, ist es bei soviel Leid schwer, Fassung zu wahren. „Diese Häufung ist unglaublich“, sagt Tierärztin Veronika Tholen, 20 bis 25 Fälle sei der jährliche Durchschnitt – im laufenden Jahr habe die Veterinärin bereits zehn verelendete Tiere in ihrer Praxis gehabt. Tholen nennt es eine Katastrophe, das „Dilemma unserer Gesellschaft“, dass die Wehrlosen – Kinder und Tiere – zuerst darunter leiden, wenn die Menschen nicht mehr zurecht kommen, überfordert sind mit sich und der Welt.

Charly fast verhungert

Charly: Der pechschwarze Dackelmischling versteht nicht, was mit ihm geschehen ist. Zumindest ist das die Erklärung der Menschen, die Charly jetzt in Tholens Praxis sehen, schwanzwedelnd mit freudig strahlenden Augen. Vielleicht ist er auch nur froh, seinem Martyrium entkommen zu sein – der Rüde wäre fast verhungert, unter seinem glatten Fell stechen die Rippen hervor.

Im Tierheim Sedelsberg, das mit Veronika Tholen zusammenarbeitet, ist Charly ein alter Bekannter. Schon vor einem Jahr war er hier. Damals wurde der Besitzerin, die den Hund wegen eines Krankenhausaufenthalts abgeben musste, empfohlen, Charly auf Diät zu setzen – der Hund war übergewichtig. Kurze Zeit später verstarb die Halterin, Charly wanderte daraufhin von Besitzer zu Besitzer – keiner übernahm die Verantwortung für den Hund.

Sigrid Kleen ist Mitarbeiterin im Tierheim, seit sieben Jahren. Für die letzten Tage findet sie keine Worte, schüttelt nur den Kopf. „Warum muss das so ausarten?“, fragt sie und sucht nach Gründen: Oft finanzielle Not, Drogensucht, Alkoholabhängigkeit, immer öfter Arbeitslosigkeit.


Liza: Der Goldenretriever-Picard-Mischling ist ein Trennungsopfer. Nach dem Ende ihrer Beziehung hat die Frau versucht, die Verantwortung für das Tier zu übernehmen. Liza schlief in ihrem eigenen Kot, als sie von den Bediensteten des Tierheims gefunden wurde. Angekettet an einer Ein-Meter-Leine mit fünf Kilogramm Untergewicht.

Noch keine Platzprobleme

Bisher gebe es keine Kapazitätenprobleme im Tierheim, berichtet Kleen, – „vor allen Dingen, weil wir gut vermitteln.“ Darauf ist das Tierheim angewiesen. „Um in Notfällen wie diesen immer einen Platz frei zu haben.“ Die Tierschutzfälle benötigen viel Betreuung, medizinisch und auch psychisch.

Robby und Bobby: Pudel-Mix und Dackel-Spitz sind von ihrer Besitzerin bei ihrem Sohn abgegeben worden. Die Tiere mussten geschoren werden, das Fell war komplett verfilzt, die Krallen zu lang zum laufen. „Beide leiden seit langem unter schmerzvollen Ohrenentzündungen“, sagt Dr. Tholen.

Bei keinem der Fälle waren es die Besitzer selbst, die ihre verwahrlosten Tiere übergeben haben. „Meist sind es die Nachbarn gewesen, die sich ans Tierheim oder direkt an die Polizei gewendet hatten“, erzählt Kleen. Oftmals fast zu spät. „Beim kleinsten Anzeichen sollte man sich bei uns melden, nicht zu lange warten.“ Nur so könne rechtzeitig geholfen werden. Wenn Nachbarn nicht weghören und -sehen. „Das Umfeld ist gefragt, wenn die Besitzer ihrer Verantwortung nicht nachkommen“, sagt Kleen. Eine Belehrung der Besitzer sei meist vergeblich. „Die Geldstrafe zieht nicht, das Portemonnaie ist eh meistens leer. Ein Besitzverbot wird umgangen oder missachtet“, weiß Kleen.

Auswahl neuer Besitzer

Und auch wenn es sich in solchen Zeiten anfühlt, als kämpfe man gegen Windmühlen – „alle vier Hunde werden ein gutes Zuhause bekommen“, versichert Kleen – aus dieser Gewissheit ziehen die Bediensteten des Tierheims Kraft. Sie wählen die Interessenten sorgfältig aus und überprüfen auch noch nach der Vermittlung, ob es dem Tier gut ergeht.

„Es wird auch wieder ruhiger werden“, hofft Kleen. In diesen Tagen jedoch bleibt das Telefon im Tierheim nie lange ruhig. „Gleich kommen noch sechs Zwergkaninchen“, sagt sie, – „sie wurden in einem Karton ausgesetzt.“

Das Tierheim ist zu erreichen unter 04492/443 oder im Internet unter

www.tierheim-sedelsberg.de