Ovelgönne - Diese Trainingseinheit werden Hermann Hashagen und Günther Kleen nicht so schnell vergessen. Am Sonntag joggen die beiden zwischen Frieschenmoor und Hakendorferwurp in der Nähe der Kreisstraße 199 an einem Graben entlang, als sie plötzlich einen Seehund entdecken.
Der Meeresbewohner schwimmt zügig durch den Graben und begleitet neugierig die Jogger. Günther Kleen hat ein Handy dabei und schießt ein paar Schnappschüsse. Danach informieren die beiden Sportler den Wattenjagdaufseher Hans-Gerd Wefer. Gemeinsam suchen sie zwei Stunden lang das Grabensystem bis zum Sielzugang ab, um den Seehund gegebenenfalls aus dem Graben zu befreien. Ohne Erfolg, der Säuger ist nicht mehr zu finden.
„Der Seehund lebt schon seit gut drei Monaten in dieser Ecke“, sagt Hans-Gerd Wefer am Dienstag im Gespräch mit der NWZ . Spaziergänger hatten den Meeresbewohner bereits im Herbst entdeckt. „Er ist vermutlich über die Weser und das Strohauser Tief in das Grabensystem gelangt. Fische gibt es hier genug, und ich habe die Seehundstation in Norddeich bereits über den Stand der Dinge informiert.“
Dr. Peter Lienau, Leiter der Seehundstation Norddeich, überrascht die Nachricht vom Seehund mitten in der Wesermarsch nicht sonderlich. „Das Tier hat sich fröhlich selbstständig gemacht und ist da hingeschwommen, wo es den besten Fisch gibt“, sagt er. Der 46-Jährige, der die Seehundstation seit 14 Jahren leitet, verweist darauf, dass ein Seehund bereits seit Jahren im Norder Tief lebt und sich seither sogar ein weiterer Artgenosse und eine Kegelrobbe dort angesiedelt haben.
„Seehunde sind clevere Tiere. Es ist ganz natürlich, dass sie in Flüsse und Gräben schwimmen“, sagt Lienau. Ein Seehund benötige am Tag zwischen einem und 2,5 Kilogramm Fisch. Das Leben im Süßwasser berge keine Gefahren. Erst nach vielen Jahren sei mit einer Eintrübung der Augenlinsen zu rechnen. Vor einem Einfangen des Tieres rät Lienau dringend ab. „Die Säuger sind so geschickt, dass sie den Weg zurück ins Meer jederzeit finden. Sie warten sogar gezielt auf die Öffnung der Schleusen. „Der Seehund ist ein wild lebendes Tier, das sich aussuchen darf, wo es sich wohl fühlt“, sagt Lienau.
Das sehen die Jogger Hermann Hashagen und Günther Kleen inzwischen genauso. Sie haben den Ovelgönner Seehund, der die Wesermarsch der Nordsee vorzieht auf den Namen „Nils getauft“.
