Ganderkesee - „Fußgänger und Radfahrer bitte andere Straßenseite benutzen!“ – Ein klarer Hinweis, der die Ganderkeseer um die Baustelle an der Grüppenbührener Straße führen soll. Erich Strodthoff bleibt die Anweisung verborgen – er erkennt gerade einmal die Umrisse der Schilder. Der Ganderkeseer ist seit 17 Jahren stark sehbehindert, navigiert sich beim Rundgang anlässlich des Tages der Sehbehinderten aber zielsicher durch seinen Heimatort.
„Wenn ich in eine Baustelle hineinlaufe, sagt mir schon jemand Bescheid, wo es lang geht“, spricht der 74-Jährige aus Erfahrung. Schnell wird deutlich, wie gut Strodthoff sich mit seiner visuellen Einschränkung arrangiert hat. Straßen überquert er dank akustischem Ampelsignal ohne Probleme. „Da ist Ganderkesee gut ausgerüstet“, sagt Strodthoff, auf dessen Initiative hin viele Ampeln im Gemeindegebiet mit den tönenden Orientierungshilfen ausgestattet wurden.
Auch mit Umbauten und Veränderungen hat Strodthoff keine Probleme: Zielsicher steuert er über das neue Parkdeck des Famila-Marktes; auch die steile Treppe hinunter auf den Parkplatz ist für ihn kein Problem. Weiter führt der Weg durch die Baustelle: „Hier haben Sie die Straße aufgefräst“, stellt der ehemalige Maurermeister beim Überqueren der Gruppenbührener Fahrbahn durch Berührung mit seinem Blindenstock fest.
Über die Tankstelle geht es hinüber zu den Märkten Aldi und Inkoop. Zielstrebig betritt Strodthoff ein Geschäft: Seine Frau hat am Sonnabend Geburtstag. „Dazu gehört ein Blumenstrauß“, stellt er fest und wählt aus den Vorschlägen der Verkäuferin die gewünschten Blumen für den Strauß aus. Über den Parkplatz zurück geht Strodthoff zielsicher über die Zebrastreifen. Die Aufmerksamkeit der Autofahrer bekommt er vor dem Überqueren durch das Heben seines Blindenstocks.
Der Ganderkeseer hat sich mit seiner Sehbehinderung arrangiert: „Das ist Training“, meint er im Hinblick auf die Sicherheit, mit der er sich durch den Ort bewegt. Der 74-Jährige ist sehr aktiv: Bewegungsbad, Sauna, Kegeln, Tandemfahren und Ausflüge macht er mit wie früher. Am Sonntag geht es mit dem Wanderverein auf die Weserinsel Harrier Sand.
Unterstützung bei Alltäglichem bekommt er von seiner Frau. Einkäufe erledigen die beiden in der Regel gemeinsam. Auch für Menschen, deren visuelle Einschränkung nicht so stark wie Strodthoffs ist, kann die Orientierung im Supermarkt und die kleinen Schriften auf Etiketten und Verpackungen zum Problem werden. „Wir haben großbedruckte Etikette an den Regalen, außerdem sind Leselupen an den Einkaufswagen befestigt“, sagt dazu Bernd Oetken, Geschäftsführer bei Inkoop in Ganderkesee. Auch in anderen Märkten sind Hilfsmittel wie die Lupen keine Seltenheit mehr. „Unsere Mitarbeiter sind entsprechend geschult und helfen bei Fragen gern weiter“, ergänzt Oetken.
Auch Erich Strodthoff ist mitunter auf Hilfe angewiesen, doch er hat viel Selbstvertrauen und ist sich sicher: „Alles eine Frage der Übung.“
