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Dorfhelferinnen Im Nordwesten Sie springt ein, wenn die Mama krank ist

Tanja Henschel

Bakum/Hemelte/Badbergen - „Da koommt der roote Ritter. Koom Faara...“ Die sechsjährige Elisa macht gerade ihre Hausaufgaben und liest aus ihrem Lesebuch vor. Margret sitzt neben ihr und unterstützt sie. Eigentlich ein ganz normaler Nachmittag bei Familie Becker in Bakum (Landkreis Vechta). Doch Margret Grever ist nicht die Mutter von Elisa und ihren Schwestern Julia (11), Henrike (14) und Ann-Marie (15). Sie ist Dorfhelferin und eingesprungen, weil Mutter Kathrin für drei Wochen ambulant eine Rehamaßnahme macht. Die 46-Jährige hatte im vergangenen Jahr einen Bandscheibenvorfall. Im September war die OP.

Grever (52) wohnt in Hemmelte (Landkreis Cloppenburg) und ist eine von acht Dorfhelferinnen in der Station Badbergen (Landkreis Osnabrück) vom evangelischen Dorfhelferinnenwerk Niedersachsen. Grever und ihre Kolleginnen springen immer dann ein, wenn eine Familie Unterstützung braucht. Das kann, wie bei Familie Becker im Krankheitsfall sein, aber auch nach einer Geburt oder nach einem Kuraufenthalt. Auch im Notfall springen die Dorfhelferinnen ein.

Erstmal kennenlernen

Die vier Mädchen der Familie Becker kennen das bereits. Schon drei Haushaltshilfen sind seit der OP von Mutter Kathrin im Haus gewesen. „Da muss man erstmal miteinander warm werden. Es ist ja auch zunächst eine fremde Person“, sagt Kathrin Becker. „Da ist mittags erstmal Ruhe am Tisch“, bringt es Norbert Becker (47) auf den Punkt. „Man findet aber schnell ins Thema wie mit Handys, Filmen oder Musik“, sagt Grever. So gewöhnten sich die Kinder schnell an sie. „Sonst komme ich nach Hause, und es ist keine Mama da“, sagt die sechsjährige Elisa.

Grever betreut die Kinder für drei Wochen. Sie hat eine 50-Prozent-Anstellung und kümmert sich wochentags acht Stunden sowohl um die Kinder als auch um den Haushalt. Die Arbeitszeiten variieren und richten sich nach dem Tagesablauf der Familie.

„Für mich ist es eine Erleichterung. Man würde sonst die Nachbarn fragen, aber die haben auch zum Teil ältere Personen zu versorgen und arbeiten selbst“, sagt Kathrin Becker. Die Hilfe von Grever ist für die Familie unverzichtbar, die auch noch einen landwirtschaftlichen Betrieb hat mit Schweinemast und Ackerbau. Die Familie hat die Hilfe bei der Rentenkasse beantragt, die die Kosten übernimmt.

Während Mutter Kathrin bei der Rehamaßnahme ist und Vater Norbert beim Landkreis Cloppenburg arbeitet, schmeißt Grever den Haushalt. Sie übernimmt Aufgaben, die sonst die Mutter erledigt: Essen kochen, Waschen, bei den Hausaufgaben helfen, Fahrdienst zur Sportstunde oder Musikunterricht, Staubsaugen, Wischen, Gartenarbeit, Obst oder Gemüse einmachen und, und, und. „Wenn der Finger verbunden werden muss, dann mache ich das auch“, sagt Grever. „Ich weiß gar nicht, wie ich es immer fertig bekomme, aber es klappt.“


Grever hat mittlerweile viel Erfahrung als Dorfhelferin. 1984 beendete sie die rund fünfjährige Ausbildung. Später kamen ihre drei Kinder zur Welt. „Als die Jüngste sieben war, fühlte ich mich unterfordert“, erinnert sich Grever. Sie ging dann zunächst acht Jahre in die Altenpflege und ist nun seit 2013 wieder als Dorfhelferin im Einsatz. Besonders gefalle ihr an der Arbeit, immer neue Menschen kennen zu lernen und neue Herausforderungen zu meistern. „Ich muss immer ’was Anderes um mich herum haben“, sagt Grever. „Bei dieser Arbeit kann ich mich voll entfalten.“

Neue Menschen treffen

Rund 115 Familien hat Grever in ihrer Zeit als Dorfhelferin schon betreut. Allerdings werde es zunehmend schwieriger, zu den Familien Kontakt zu halten, da es immer mehr werden. Besonders freudige Ereignisse seien dabei immer die Geburten gewesen. Manchmal sei aber auch wenig Geld vorhanden gewesen und damit nicht genug, um zu kochen. Auch schwere Krankheitsfälle wie Krebs in der Familie hinterlassen Spuren. Die persönliche Situation in der Familie wird dabei aber nicht nach außen getragen, da die Dorfhelferinnen sich stets an die Schweigepflicht halten.

Dabei sind sie und ihre Kolleginnen nicht nur im ländlichen Raum tätig, sondern auch in Privathaushalten in Ballungsgebieten und Städten. Das bestätigt auch Agnes Witschen, Vorsitzende des Landfrauenverbands Weser-Ems. Die Nachfrage nach Dorfhelferinnen falle je nach Region ganz unterschiedlich aus. Der Bedarf bestehe aber sowohl auf dem Land als auch in der Stadt.

Die vier Mädchen von Familie Becker, sind froh, dass sie Grever haben. Nicht nur, weil es auch mal das besondere Lieblingsessen wie Lasagne, Spaghetti oder Pfannkuchen gibt, sondern auch, weil Grever mit ihrer offenen Art die Familie gleich eingenommen hat. So rühren die Jüngeren Julia und Elisa gerne mit ihr den Waffelteig an und helfen beim Aufdecken. „Mmhh, schmeckt das gut“, sagt Elisa und beißt noch einmal in ihre Waffel. „Anders als bei Mama, aber auch sehr gut.“

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